
Algerien verurteilt Goncourt-Preisträger Kamel Daoud zu drei Jahren Haft – Paris protestiert
Der franko-algerische Schriftsteller Kamel Daoud, der 2024 den renommierten Prix Goncourt für seinen Roman „Houris“ erhielt, ist in Abwesenheit von einem Gericht in Oran zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Urteil, das der in Frankreich lebende Autor am Mittwoch selbst bekannt gab, wirft ein Schlaglicht auf die tiefen Gräben, die der Umgang mit dem algerischen Bürgerkrieg zwischen Algier und Paris immer wieder aufreißt. Daouds Roman thematisiert die „schwarze Dekade“ der neunziger Jahre und verstößt damit gegen ein algerisches Gesetz, das jede öffentliche Auseinandersetzung mit den Gräueln jener Zeit unter Strafe stellt.
Aus Pariser Sicht ist das Urteil ein direkter Angriff auf die künstlerische Freiheit. Kulturministerin Catherine Pégard bekräftigte in einer Stellungnahme ihren „unerschütterlichen Einsatz für die Freiheit des Schaffens, die sich oft in den Spannungsfeldern bewähre, die sie ans Licht bringe“. Sie unterstrich die Notwendigkeit, Künstler in ihrer Würde und Sicherheit zu schützen; Literatur bleibe ein lebendiger Raum der Gestaltung.
Auch Außenminister Jean-Noël Barrot äußerte Bedauern über den Richterspruch und nannte die Verurteilung eines Autors allein aufgrund eines literarischen Werkes „beunruhigend“. Das Urteil fügt sich in eine Reihe von diplomatischen Verstimmungen zwischen Frankreich und Algerien ein, die zuletzt durch die Anerkennung der marokkanischen Souveränität über die Westsahara durch Paris zusätzlich belastet wurden. Beobachter in Algier dürften das Vorgehen gegen Daoud als innenpolitisch motiviert deuten: Die staatliche Erzählung vom Bürgerkrieg als einer von außen gesteuerten Tragödie soll nicht durch literarische Differenzierungen aufgeweicht werden.
Dass Daoud, der 2015 mit „Meursault, contre-enquête“ bereits einen Welterfolg landete, in Frankreich lebt und seine Stimme von dort erhebt, macht ihn aus algerischer Sicht zu einer besonders exponierten Figur. Die literarische Welt blickt nun gespannt auf die weitere Entwicklung: Während Frankreich auf freies Wort und diplomatischen Druck setzt, bleibt abzuwarten, ob Algier das Urteil tatsächlich vollstrecken oder als politisches Signal belassen wird. Für Autoren in beiden Ländern wird der Fall zum Prüfstein, wie weit die Meinungsfreiheit in postkolonialen Beziehungen reicht – und wo die Souveränität über die eigene Geschichte endet.
Erweitere deinen Horizont
US-Senat verabschiedet Sanktionspaket mit Zolldrohung gegen Russland-Energiekäufer
2 Sprachen · 40 Quellen
Aus Economy & MarketsSteigende Kreditvorsorgen belasten Bankbilanzen in Schwellenländern
2 Sprachen · 6 Quellen
Aus TechnologyMoskau will SMS-Autorisierung für Kinder nur mit elterlicher Zustimmung sperren
1 Sprache · 13 Quellen