
Als riesige Kraken die Urzeitmeere beherrschten – ein neues Bild der Kreidezeit
In der späten Kreidezeit teilten sich gigantische Kopffüßer die Herrschaft über die Ozeane mit den letzten Sauriern. Japanische Forscher der Universität Hokkaido haben jetzt fossile Kieferreste entdeckt, die auf bis zu neunzehn Meter lange Kraken schließen lassen – die vermutlich größten wirbellosen Tiere der Erdgeschichte. Die am Donnerstag im Fachblatt „Science“ publizierte Studie stellt jahrzehntealte Gewissheiten über die marinen Nahrungsnetze des Mesozoikums auf den Kopf: Weit davon entfernt, nur Beute zu sein, standen diese Achtarmigen als Spitzenprädatoren an der Spitze der Nahrungskette und machten selbst gepanzerten Fischen und Meeresreptilien Konkurrenz.
Krake sind als Weichtiere nur äußerst selten fossil überliefert, meist einzig die schnabelartigen Kiefer. Genau diese winzigen Überreste spürte das Team um die japanische Paläontologin mittels hochauflösender Schicht-Röntgentomographie und maschinellem Lernen in Gesteinsproben auf, die im Labor über Jahrzehnte unangetastet geblieben waren. Die digitale Präparation – bei der die Forscher den Stein in Schritten von fünfzig Mikrometern abtrugen und fotografierten – offenbarte die Kauwerkzeuge zweier bislang unbekannter Arten. Erst der Einsatz Künstlicher Intelligenz machte es möglich, die nur millimetergroßen Strukturen zuverlässig von mineralischen Einschlüssen zu unterscheiden.
Aus Washingtoner Sicht unterstreicht der Paläontologe Adiel Klompmaker von der University of Alabama, der nicht an der Studie beteiligt war, die furchteinflößende Erscheinung dieser Kopffüßer: „Diese Kraken müssen ein furchterregender Anblick gewesen sein.“ In der amerikanischen Fachwelt gilt der Fund als weiterer Beleg dafür, dass die spätkreidezeitlichen Meere nicht allein von Mosasauriern, Plesiosauriern und Haien dominiert wurden. Russische Medien wie die BBC Russian und Kommersant heben hervor, dass es sich um die größten jemals beschriebenen wirbellosen Tiere handeln könnte und dass sie mit kräftigen Tentakeln samt scharfem Schnabel auch hartschalige Beute knacken konnten.
Die argentinische Zeitung Clarín erinnert daran, dass der mythologische Kraken lange als reine Seemannslegende galt, während die Wissenschaft wirbellose Tiere in der Rangordnung des urzeitlichen Ozeans stets den Wirbeltieren unterordnete. Nun zeigt sich, dass die Realität der Kreidezeit phantastischer war als die spätere Folklore. Für den europäischen, und insbesondere den deutschsprachigen Raum, wo Naturkundemuseen wie das Senckenberg in Frankfurt oder das Paläontologische Institut in Zürich regelmäßig neue Erkenntnisse zur Evolution der Kopffüßer ausstellen, eröffnet die Studie eine neue Perspektive auf die Stammesgeschichte der Oktopoden, die bislang erst im Miozän vor etwa fünfzehn Millionen Jahren ihre entscheidende Radiation erlebten. Nun rückt ihr Ursprung fast hundert Millionen Jahre weiter zurück.
Die Tragweite der Entdeckung reicht über die reine Körpergröße hinaus. Die Forscher um die japanische Erstautorin sehen in den Funden einen Hinweis darauf, dass die ökologische Rolle der wirbellosen Räuber im Mesozoikum grundlegend neu bewertet werden muss. Sollte sich die Methode der KI-gestützten Mikrofossilsuche bewähren, könnten in den Archiven der erdgeschichtlichen Sammlungen weltweit noch zahlreiche weitere Zeugnisse lange übersehener Organismen schlummern. Der Krake der Kreidezeit ist damit nicht nur ein spektakulärer Einzelfall, sondern ein Vorbote einer stillen Revolution in der Paläontologie, bei der Big Data und maschinelles Sehen erstmals die feinsten Spuren urzeitlichen Lebens lesbar machen.
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