
Andrej Zwyagintsew gewinnt Grand Prix in Cannes und fleht Putin an, das «Gemetzel» zu beenden
Der russische Regisseur Andrej Zwyagintsew hat mit seinem Film «Minotaur» den zweiten Preis in Cannes errungen und den Kremlchef direkt zum Ende des Krieges in der Ukraine aufgefordert. Russische Staatssender verschwiegen die Auszeichnung.
Der russische Filmemacher Andrej Zwyagintsew hat beim 79. Filmfestival von Cannes den Grand Prix gewonnen – die zweithöchste Auszeichnung nach der Goldenen Palme. In seiner Dankesrede richtete er sich unmittelbar an Präsident Wladimir Putin und bat diesen, den Krieg in der Ukraine zu beenden. «Millionen Menschen auf beiden Seiten der Frontlinie träumen nur noch von einem: dass das Abschlachten endlich aufhört», sagte Zwyagintsew mit sichtlicher Bewegung. «Der einzige Mensch, der diesen Fleischwolf anhalten kann, sind Sie. Beenden Sie dieses Gemetzel, die ganze Welt wartet darauf.» Der Regisseur, der seit Jahren in Frankreich lebt, wandte sich dabei direkt an Putin, von dem er annahm, er werde die Übertragung nicht live verfolgen, dessen Umfeld die Worte aber erreichen könnten. Sein Film «Minotaur» ist die erste bedeutende russische Produktion, die den gegenwärtigen Krieg thematisiert.
Während die internationale Presse über die unerwartet politische Zeremonie berichtete, blieben die russischen Staatsmedien auffällig still. Die föderalen Fernsehkanäle – Erster Kanal, Rossija 1 und NTW – erwähnten am Samstagabend und am Sonntagmorgen weder die Preisverleihung an Zwyagintsew noch seine Antikriegsrede. Dabei hatte etwa NTW vor zwei Jahren noch ausführlich über die Goldene Palme für «Anora» mit den russischen Schauspielern Jura Borissow und Mark Eidelstein berichtet. Das Schweigen, das nur von staatlich kontrollierten Agenturen und ausgewählten Internetmedien durchbrochen wurde, legt die tiefe Verunsicherung des Regimes offen: Ein weltweit gefeierter Künstler, der die offizielle Kriegsrhetorik infrage stellt, sprengt das erlaubte Narrativ. Aus Moskauer Sicht war die Entscheidung der Sender daher folgerichtig, um keine Plattform für Dissens zu bieten.
Dabei reiht sich Zwyagintsews Erfolg in eine bemerkenswerte Tradition ein. Erst zum zweiten Mal nach Nikita Michalkow 1994 gewann ein russischer Regisseur den Grand Prix. Doch anders als der regimekonforme Michalkow steht Zwyagintsew für eine kritische, illusionslose Filmkunst. Sein «Minotaur» erzählt von einem Firmenchef, der seine Mitarbeiter für die Mobilmachung melden soll und gleichzeitig privat mit Verrat konfrontiert ist – ein düsteres Sinnbild des gegenwärtigen Russlands. Dass die Jury unter dem Vorsitz des US-Regisseurs Spike Lee dennoch dem rumänischen Beitrag «Fjord» die Goldene Palme zuerkannte – einer Geschichte über die Verteidigung konservativer Werte in der liberalen norwegischen Gesellschaft –, mag mit der Sorge um politische Vereinnahmung zu erklären sein; die russische Propaganda hätte eine Haupttrophäe für den Anti-Kriegsfilm wohl als Provokation ausgeschlachtet.
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz, die traditionell enge kulturelle Bande zu Russland pflegen, ist Zwyagintsews mutiger Auftritt ein bedeutendes Signal. Die hiesige Filmförderung und Festivalszene hat dem Regisseur stets eine Bühne geboten; nun könnte sein Appell auch die politische Debatte über den Umgang mit russischen Kulturschaffenden befeuern, die sich öffentlich gegen den Krieg stellen. Zugleich zeigt die Zensur im russischen Fernsehen, wie schwer der unabhängige künstlerische Ausdruck unter dem Druck des Regimes zu leiden hat. Zwyagintsews Worte aus Cannes werden in der westlichen Öffentlichkeit nachhallen – und vielleicht auch in Moskau doch Gehör finden.
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.60 | critical |
|---|---|---|
| Russische & GUS-Presse | −0.20 | neutral |
Die kontinentaleuropäische Presse hebt die Anklage des russischen Regisseurs Andrej Swjaginzew hervor, der von Cannes aus Putin anflehte, das 'Gemetzel' in der Ukraine zu beenden. Die Medien betonen, dass russische Fernsehsender die Preisverleihung verschwiegen haben, was auf Zensur hindeutet. Der Film 'Minotaurus' wird als Kritik am Krieg und an der Mobilmachung dargestellt.
Die russische Presse berichtet über den Gewinn des Großen Preises in Cannes für Andrej Swjaginzews Film 'Minotaurus', spielt aber die politische Rede des Regisseurs herunter und konzentriert sich stattdessen auf den künstlerischen Erfolg. Sie erwähnt, dass Swjaginzew sich an Putin wandte, jedoch ohne Nachdruck, und betont, dass der Film eine Familienkrise und die Mobilmachung thematisiert, ohne die Kriegskritik zu vertiefen.
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