
Anzac Day zwischen Gedenken und Zwietracht: Roberts-Smith im Fokus
Die Teilnahme des mit schweren Kriegsverbrechen angeklagten Ex-Soldaten Ben Roberts-Smith an den Anzac-Day-Feierlichkeiten in Queensland hat den nationalen Gedenktag in ungewohntes Licht getaucht. Roberts-Smith, einst als mustergültiger Anzac gefeiert und mit dem Victoria-Kreuz ausgezeichnet, betonte in einer Erklärung, der Tag sei ihm „heilig“. Dass er nach seiner Freilassung auf Kaution nun öffentlich seine Aufwartung macht, während er sich des fünffachen Mordes verantworten muss, sorgt in der australischen Öffentlichkeit für Unbehagen. Aus Sicht von Militärhistorikern droht damit eine neue Debatte über die Grenzen von Heldenverehrung und die Aufarbeitung von Kriegsrealität – ein Thema, das weit über die australische Landesgrenze hinausreicht, auch weil deutsche und österreichische Beobachter Parallelen zu eigenen Kontroversen um soldatische Traditionen ziehen könnten.
Während die politische Symbolkraft des Tages selten spürbarer war, offenbaren sich in den Bundesstaaten jedoch ganz handfeste Unterschiede. New South Wales, Western Australia und das Australian Capital Territory gewähren ihren Bürgern einen zusätzlichen Feiertag am Montag, da der 25. April auf einen Samstag fällt. Die Premiers von Queensland, Victoria und anderen Bundesstaaten lehnen dies ab – mit dem Argument, ein verlängertes Wochenende schwäche die Ernsthaftigkeit des Gedenkens. Der Premier von Queensland, David Crisafulli, nannte es „heilig“ und warnte vor einer Verwässerung. Die unterschiedliche Handhabung der Ladenöffnungszeiten – in NSW gelten erstmals ganztägige Schließungen, während in Queensland nachmittags der Handel wieder erlaubt ist – veranschaulicht das Spannungsfeld zwischen respektvollem Innehalten und wirtschaftlichen Interessen.
Ungeachtet der Kontroversen erwarten die traditionellen Morgendämmerungsgottesdienste und Paraden Zehntausende. Die Ursprünge dieser Bräuche, insbesondere des „stand-to“-Rituals aus dem Ersten Weltkrieg, sind vielen längst nicht mehr präsent. Umso bedeutsamer ist es, dass die Gedenkfeiern zunehmend die Vielfalt derer sichtbar machen, die einst dienten. Die Geschichte des Sikh-Soldaten Desanda Singh, der im australischen Heer kämpfte und dessen Urenkel erst kürzlich die Bedeutung alter Medaillen erkannte, steht exemplarisch für die lange übersehene Beteiligung indischer Kämpfer. Zugleich erinnern Pferdetrainer wie Janette Wilson in Darwin an die Waler-Pferde, die im Ersten Weltkrieg als unermüdliche Begleiter dienten, und Veteranen wie der 102-jährige Brian Barry betonen die „Kameradschaft“ als Kern des Gedenkens.
Die eigentliche Zukunftsprobe für Anzac Day liegt jedoch in der Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Der Fall Roberts-Smith, den der Canberra Times zufolge niemand mit der patriotischen Flagge schmücken sollte, zwingt Australien zur Frage, ob der Kult um den „Anzac-Geist“ einer kritischen Überprüfung standhält. Auch in Deutschland und der Schweiz, wo der Umgang mit militaristischem Erbe immer wieder neu verhandelt wird, ließe sich die Entwicklung als Lehrstück über nationale Identitätsbildung lesen – als Mahnung, dass Gedenken ohne Selbstreflexion zur bloßen Inszenierung verkommt.
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