
Aufruhr im Silicon Valley: Googles KI-Deal mit dem Pentagon spaltet die Belegschaft
Es ist ein ungewöhnlich scharfer innerbetrieblicher Widerspruch, der die Alphabet-Tochter derzeit erschüttert: Mehr als 600 Mitarbeiter der Google-Sparten DeepMind, Cloud und weiterer Bereiche haben sich in einem offenen Brief an Konzernchef Sundar Pichai gewandt und fordern die sofortige Aufkündigung jedweder geheimer Militärkooperation mit dem amerikanischen Verteidigungsministerium. Wie amerikanische Fachdienste übereinstimmend berichten, unterzeichneten darunter mehr als zwanzig Führungskräfte bis hin zur Ebene von Vizepräsidenten. Auslöser ist ein bislang vertraulich verhandeltes Abkommen, das dem Pentagon erlauben würde, das leistungsfähige KI-Modell „Gemini“ für klassifizierte Operationen zu nutzen – ein Vertrag, der Google in eine Reihe mit OpenAI und der von Elon Musk kontrollierten xAI stellt.
Das Geschäft, über das zuerst das Technologieportal The Information berichtete, sieht aus Washingtoner Sicht einen folgerichtigen Schritt zur Wahrung des technologischen Vorsprungs vor. Es handelt sich nach Angaben des Unternehmens um eine Ergänzung zu einem bereits bestehenden Vertrag; die vereinbarten Konditionen gestatten dem Militär den Einsatz der KI „für jeden rechtmäßigen Regierungszweck“. Zugleich enthält das Abkommen Klauseln, wonach das System weder zur massenhaften Inlandsüberwachung noch für autonome Waffensysteme mit Zielauswahl ohne menschliche Kontrolle bestimmt sei. Google selbst behält ausdrücklich kein Vetorecht gegenüber operativen Entscheidungen der Behörden – eine Souveränitätseinräumung, die das Unbehagen der Kritiker eher nährt als stillt.
Aus dem Inneren des Konzerns schlägt den Verantwortlichen denn auch moralische Empörung entgegen. Ein namentlich nicht genannter Organisator der Protestkampagne bringt das zentrale Dilemma auf den Punkt: „Geheime Vorhaben entbehren von Natur aus jeder Transparenz, und gegenwärtig gibt es keine Möglichkeit sicherzustellen, dass unsere Werkzeuge nicht zu schwerem Schaden oder zur Aushöhlung bürgerlicher Freiheiten eingesetzt werden – wir sprechen über Dinge wie die Klassifizierung von Personen oder die Zielerfassung unschuldiger Zivilisten.“ Der renommierte DeepMind-Forscher Andreas Kirsch erklärte auf der Plattform X, er sei „fassungslos und beschämt“ über die Entscheidung. Die innere Opposition ähnelt damit dem Aufbegehren von 2018, als Tausende Google-Angestellte erfolgreich gegen das Drohnenprojekt „Maven“ protestierten – nur dass das Unternehmen diesmal offenbar gewillt ist, den Vertrag durchzusetzen.
In Peking und Moskau wird man diese Entwicklung mit wachem Auge verfolgen, unterstreicht sie doch die zunehmend symbiotische Verflechtung amerikanischer Technologiekonzerne mit den Sicherheitsapparaten des Westens. Für Europa und insbesondere für den deutschsprachigen Raum stellt sich die Frage umso drängender, ob hiesige Unternehmen ähnlichen Verlockungen widerstehen können. Während die EU-KI-Verordnung ethische Leitplanken für zivile Anwendungen setzt, bleibt die militärische Nutzung Künstlicher Intelligenz weitgehend nationaler Definitionshoheit überlassen. Weder in Berlin noch in Wien oder Bern hat sich bislang eine vergleichbar öffentlich ausgetragene Gewissensdebatte innerhalb der großen Technologieunternehmen entzündet. Eben dies könnte sich jedoch ändern, sobald die ersten vergleichbaren Rüstungskooperationen im europäischen Raum publik werden – und die Frage auf dem Tisch liegt, ob wirtschaftliche Interessen das personalisierte ethische Bewusstsein einer ganzen Forschergeneration übertrumpfen dürfen.
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