
Barfuß durch das heilige Gehölz: Wie das Pamali den Wald von Kuta schützt
In einem abgelegenen Dorf auf Westjava bewahrt ein unsichtbares Regelwerk aus Tabus und Ahnenvertrauen einen Urwald vor Zerstörung – ganz ohne Förster oder Zäune.
Der Waldboden ist kühl und uneben. Wer das Tor zum Leuweung Gede durchschreitet, muss die Schuhe abstreifen. Die Fußsohlen ertasten Steine, Wurzeln und feuchtes Laub, jeder Schritt wird langsamer, vorsichtiger. In der Stille unter den hohen Baumkronen, die das Sonnenlicht filtern, liegt kein einziges Stück Abfall. Kein Plastik, kein Papier. Nur der Geruch von feuchter Erde und das leise Rascheln der Blätter. Es ist, als betrete man einen Raum, den die Zeit vergessen hat – und den doch niemand bewacht.
Maman Sarno ist der Hüter dieses Ortes, der Juru Kunci des heiligen Waldes von Kampung Adat Kuta in der Region Ciamis, Westjava. Seit sieben Jahren trägt er die Verantwortung, doch sein Amt gleicht eher einer Treuhandschaft als einer Kontrollinstanz. „Würde man den Wald einem Förster anvertrauen, wäre er längst verschwunden“, sagt er. Statt auf Uniformen und Vorschriften setzt die Gemeinschaft auf ein unsichtbares, aber allgegenwärtiges Geflecht aus Verboten: das Pamali. Es ist das erste von drei Pfeilern, die den Wald schützen – die beiden anderen sind der Schlüsselbewahrer selbst und die Adat-Gemeinschaft, die das überlieferte Wissen trägt.
Pamali, ein Begriff aus dem Sundanesischen, bezeichnet ein Tabu, eine Handlung, die Unheil oder Katastrophen heraufbeschwört, wenn sie missachtet wird. Im Leuweung Gede sind diese Regeln präzise und unverhandelbar. Keine schwarze Kleidung, kein Ausspucken, kein Urinieren, keine menstruierenden Frauen. Kein einziger Zweig darf den Wald verlassen, kein Goldschmuck getragen werden. Selbst hohe Amtsträger müssen ihre Dienstuniform ablegen, bevor sie das Gehölz betreten. Die Verbote sind nicht auf Tafeln geschrieben, sie leben im kollektiven Gedächtnis. Ihre Macht bezieht das Pamali aus der Überzeugung, dass der Wald die Lunge der Menschen ist – „oksigen, nyawa manusia“, Sauerstoff, das Leben selbst.
Diese Logik durchdringt das gesamte Dorf. Die Häuser in Kampung Adat Kuta sind einander nie zugewandt; Türen, die sich direkt gegenüberliegen, würden nach dem Glauben der Ahnen Rivalität und Zwietracht unter Nachbarn säen. Die rechteckigen Pfahlbauten aus Bambusgeflecht und Ijuk-Dächern stehen in respektvollem Abstand zueinander. Wer ein neues Haus errichten will, muss ein Ritual mit Zucker und Bittergurke abhalten. Krabbeln Ameisen über den Zucker oder zerfällt die Gurke, ist der Bauplatz verwehrt. Sogar der Alltag ist von Tabus durchzogen: An einem Tag alle drei Monate, dem „Larangan Bulan“, ist jeglicher Einkauf untersagt – nicht einmal ein Nagel darf erworben werden. Und kein Dorfbewohner darf Beamter, Soldat oder Polizist sein. Wer dennoch in den Staatsdienst eintritt, muss das Dorf verlassen; erst als Pensionär ist die Rückkehr gestattet.
So bewahrt sich Kampung Adat Kuta eine Ordnung, die ohne geschriebene Gesetze auskommt. Der Wald, heißt es, sei noch nie von illegalem Holzeinschlag oder kommerzieller Erschließung bedroht gewesen. Naturkatastrophen bleiben aus. Am Ende des Pfades, wenn die Besucher wieder ihre Schuhe anziehen, bleibt das Bild eines Gehölzes zurück, das nicht von Zäunen, sondern von einer unsichtbaren, jahrhundertealten Übereinkunft getragen wird – ein leises, beharrliches Flüstern der Ahnen, das lauter wirkt als jedes Verbotsschild.
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In Kampung Kuta zeigt die Gemeinschaft, dass mündliche Überlieferung und lokale Hüter ausreichen, um den Wald zu schützen, ohne dass ein Eingreifen von außen nötig ist.
Die Erzählung naturalisiert das Tabusystem als integralen Bestandteil der lokalen Identität und stellt es stillschweigend der modernen Bürokratie gegenüber, um seine Wirksamkeit zu legitimieren.
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