
Biagio De Giovanni: Ein neapolitanischer Philosoph des Rechts, der Europa dachte und den Kommunismus hinterfragte
Mit Biagio De Giovanni ist eine der letzten großen intellektuellen Stimmen Italiens aus dem 20. Jahrhundert verstummt. Der Philosoph, Jurist und ehemalige Europaabgeordnete starb im Alter von 95 Jahren in seiner geliebten Heimatstadt Neapel, nachdem er noch den lang ersehnten Fußball-Meistertitel seines Vereins SSC Napoli miterleben durfte. Sein Tod markiert das Ende einer Biographie, die Theorie und politische Praxis, tiefe Heimatverbundenheit und europäischen Kosmopolitismus auf einzigartige Weise verband.
Aus neapolitanischer und römischer Perspektive betrachtet, war De Giovanni ein klassischer Gelehrter des Mezzogiorno, der in der Tradition Giambattista Vicos und des neapolitanischen Denkens des 17. Jahrhunderts stand. Seine Karriere begann als Philosoph des Rechts, ehe er sich als scharfer Analytiker der Massendemokratie und ihrer totalitären Tendenzen einen Namen machte. Sein intellektueller Weg führte ihn jedoch in einen schmerzhaften Konflikt mit der eigenen politischen Heimat: Sein berühmter Artikel „C'era una volta Togliatti e il comunismo reale“, der im August 1989, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer, erschien, bedeutete eine fundamentale Abrechnung mit dem real existierenden Kommunismus und löste im Partito Comunista Italiano erbitterte Polemiken aus.
Aus der Warte Brüssels und Strasbourgs war De Giovanni hingegen ein leidenschaftlicher, aber kritischer Europäer. Als Parlamentarier für den PCI und später den PDS im Europäischen Parlament verfolgte er stets die Idee eines politisch geeinten Europas, das er als notwendiges Projekt der Moderne begriff. Seine Analyse der gegenwärtigen Krise der liberalen Demokratien, in der er ein Auseinanderdriften von politischer Repräsentation und gesellschaftlicher Wirklichkeit diagnostizierte, besitzt aus deutscher und mitteleuropäischer Sicht ungebrochene Aktualität. Die hierzulande geführten Debatten über Vertrauensverlust in Institutionen und populistische Herausforderungen finden in seinem Werk eine frühe und tiefgründige Vorwegnahme.
Sein Vermächtnis ist somit ein doppeltes: Zum einen hinterlässt er als „Professore“ eine Lücke im italienischen Geistesleben, das einen seiner letzten großen öffentlichen Intellektuellen verliert. Zum anderen bieten seine Schriften zur Demokratie- und Europakrise, die aus der spezifisch italienischen Erfahrung des 20. Jahrhunderts gespeist sind, wertvolle Diagnosewerkzeuge für die gegenwärtigen Herausforderungen in ganz Europa. Sein nüchterner Blick auf die Fragilität demokratischer Systeme bleibt eine Mahnung, die über den Alpenraum hinausreicht und für den deutschsprachigen Diskurs um die Zukunft der EU anregend sein kann.
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