
Bildung im Krieg: Libanons Schüler zwischen Fernunterricht und zerrissenen Träumen
Die libanesische Bildungsministerin Rima Karami hat klargestellt, dass ein normaler Schuljahresverlauf nach den massiven Kriegsunterbrechungen nicht mehr herstellbar sei. Seit dem 2. März sind die Bildungseinrichtungen im Land geschlossen, und während die öffentliche Debatte vor allem von Fragen der Sicherheit und der existenziellen Notwendigkeiten beherrscht wird, rückt der Ministerin zufolge die Frage in den Vordergrund, ob und wie die offiziellen Prüfungen unter den gegenwärtigen Bedingungen stattfinden können. Aus Beiruter Sicht steht die Bildungsgerechtigkeit auf dem Spiel: Rund 147.000 Schüler lernen derzeit per Fernunterricht, doch die Voraussetzungen könnten ungleicher nicht sein. Während wohlhabendere Familien ihre Kinder ins europäische Ausland geschickt haben, um sie dem psychischen Druck zu entziehen, kämpfen in den Notunterkünften tausende Jugendliche mit defekten Bildschirmen und fehlendem Internetzugang – eine Erfahrung, die das Grundrecht auf Bildung zum täglichen Alptraum werden lässt.
Die Spaltung des Bildungssystems offenbart sich in den unterschiedlichsten Facetten. Manche Schulen haben vollständig auf Distanzunterricht umgestellt, andere bleiben ganz geschlossen, wieder andere versuchen den Präsenzunterricht aufrechtzuerhalten. Eltern sind zerrissen zwischen der Angst vor Ansteckung auf dem Schulweg, dem Druck der Schulgebühren und der Sorge, dass ihre Kinder den Anschluss verlieren. Besonders schwer trifft die Krise Schüler mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen: Für sie reichen digitale Plattformen nicht aus, der fehlende persönliche Kontakt zu Therapeuten und Sonderpädagogen bedeutet einen kaum zu kompensierenden Rückschlag. Die Mutter eines betroffenen Mädchens berichtet, dass der Bildschirmunterricht die Konzentration aller Kinder beeinträchtige, bei ihrer Tochter aber zu völliger Überforderung führe.
Der gegenwärtige Ausnahmezustand reiht sich ein in eine lange Tradition verschobener Prüfungen im Libanon. Bereits 2011 und 2014 mussten Termine wegen Streiks oder politischer Spannungen verlegt werden, und die Pandemie hatte ohnehin zuletzt das System an seine Grenzen gebracht. Was einst als temporäre Notlösung galt, ist zum strukturellen Merkmal geworden – eine fatale Botschaft an eine Jugend, die zwischen dem Traum von der Ingenieurslaufbahn und der Alltagsrealität des Bombenhagels zermürbt wird. Aus deutschsprachiger Perspektive, die selbst durch die Erfahrung der Integration von Geflüchteten mit fragmentierten Bildungsbiografien vertraut ist, stellt sich die Frage, ob nicht dringend ein tragfähiges Konzept für den Wiederaufbau des libanesischen Schulwesens entwickelt werden muss. Die Bundesrepublik, Österreich und die Schweiz, die viele libanesische Familien aufgenommen haben, wissen: Bildungsunterbrechungen dieser Art hinterlassen nicht nur individuelle Lücken, sondern gefährden die gesellschaftliche Stabilität über Generationen hinweg. Die libanesische Politik wird sich daher nicht länger mit kurzfristigen Vertagungen begnügen können – der Ruf nach einem Neustart des gesamten Systems wird lauter.
Erweitere deinen Horizont
US-Militär fliegt Vergeltungsschläge gegen Iran nach Angriff auf jordanische Basis
3 Sprachen · 68 Quellen
Aus Economy & MarketsMexikos Wirtschaft wächst im zweiten Quartal so stark wie seit über fünf Jahren nicht mehr
1 Sprache · 18 Quellen
Aus TechnologyChery Q erhält auf der GIIAS 2026 über 6.000 Vorbestellungen
1 Sprache · 15 Quellen