
Der Urzeit-Krake: Wie ein 19 Meter langer Riesenkrake die Kreide-Meere beherrschte
Ein Team japanischer Paläontologen der Universität Hokkaido hat Fossilien entdeckt, die das Bild von der marinen Nahrungskette der Kreidezeit grundlegend verändern. Die in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie belegt, dass bereits vor rund 100 Millionen Jahren riesige Kraken mit einer Körperlänge von bis zu 19 Metern durch die Ozeane streiften – begabte Jäger, deren kräftige, mit Schnäbeln versehene Kiefer selbst Schalen und Knochen ihrer Beute zu knacken vermochten. Damit treten diese wirbellosen Tiere aus dem Schatten der traditionell als Spitzenprädatoren gehandelten Reptilien wie Mosasaurier oder Plesiosaurier hervor.
Aus japanischer Sicht markiert der Fund einen methodischen Durchbruch: Die Forscher trugen die versteinerten Kieferreste Schicht für Schicht mit einer Abtragung von 0,05 Millimetern ab und erstellten so präzise 3D-Modelle. Für Beobachter in den Vereinigten Staaten bestätigt der Befund eine seit langem gehegte Vermutung. Der Paläontologe Adiel Klompmaker von der University of Alabama spricht von einer furchterregenden Erscheinung: Der „Kraken“ der Kreidezeit sei ein echtes Spitzenprädator gewesen, der mit den größten Meeresreptilien um Beute konkurrierte.
Jahrzehntelang galt die Annahme, Wirbellose hätten in prähistorischen Ökosystemen nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Diese Sichtweise, so betont die Studie, sei nun widerlegt. Die Erkenntnisse haben auch für europäische Geowissenschaften eine unmittelbare Relevanz.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz befassen sich mehrere Forschungsgruppen mit der Diversität der Kreidezeit – die neuen Daten könnten helfen, die damalige Nahrungsnetzstruktur und die Verdrängungsprozesse zwischen kopffüßigen und wirbeltierbasierten Räubern präziser zu modellieren. Zudem werfen die Funde ein neues Licht auf die Evolutionsgeschichte der heute lebenden Tintenfische. Wie aus den Paläontologischen Instituten der Universitäten Bonn und Zürich zu hören ist, eröffnet die Studie Anschlussfragen: Waren derartige Großformen ein kurzlebiges Experiment der Natur oder ein verbreitetes Phänomen?
Welche Umweltbedingungen begünstigten das Gigantenwachstum? Die Antworten darauf könnten nicht nur die Vergangenheit erklären, sondern auch Hinweise darauf geben, wie sich marine Ökosysteme angesichts des Klimawandels verändern. Der gefundene Schnabel ist dabei erst der Anfang – weitere Grabungen im Kreidegestein Japans versprechen, das Bild des wahren Urzeit-Krakens zu vollenden.
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