
Taumel nach Verlängerungstor: Stuttgart erstreitet sich das Pokalfinale gegen Bayern
Es war ein Abend, der in einer einzigen Bewegung gipfelte: In der 119. Minute senkte sich eine Flanke von Bouanani in den Freiburger Strafraum, und Tiago Tomás, kaum eine halbe Stunde zuvor eingewechselt, stach mit der Hacke zu. Der Ball schlug unhaltbar ein, der amtierende Pokalsieger VfB Stuttgart hatte das Halbfinale gegen den SC Freiburg mit 2:1 nach Verlängerung gedreht und sich für das Endspiel am 23. Mai in Berlin qualifiziert. Der Jubel in der Mercedes-Benz Arena kannte keine Grenzen mehr, während den Gästen nur die Empörung über eine Szene blieb, die das Spiel weit über den sportlichen Ausgang hinaus prägen wird.
Denn der Weg in die Verlängerung war von einem Schiedsrichterfehler überschattet, der die strukturelle Schwäche des Videobeweises offenlegte. In der Verlängerung hatte Freiburgs Höler getroffen, doch Schiedsrichter Tobias Welz pfiff die Aktion wegen eines angeblichen Fouls sofort ab. Der VAR durfte nicht eingreifen, weil der Pfiff vor dem Tor erfolgte – eine Regel, die den Assistenten in solchen Fällen entmachtet. Der Deutsche Fußball-Bund räumte noch in der Nacht ein, es habe sich um eine klare Fehlentscheidung gehandelt. Aus Freiburger Perspektive wird dieser Moment als schmerzhafte Pointe eines Abends haften bleiben, an dem das Team taktisch diszipliniert begann und durch Eggesteins Führung belohnt wurde. Aus Stuttgarter Sicht hingegen überwog die Erzählung einer Mannschaft, die sich nach Undavs Ausgleich in der 70. Minute in einen Rausch spielte und mit schierem Willen das Unmögliche erzwang – ein Narrativ, das Trainer Hoeneß mit dem Wort „emotionaler Overload“ nur unzureichend einzufangen vermochte.
International wurde das Spektakel als Beleg für die urwüchsige Magie des deutschen Pokals gewertet. Spanische Medien wie La Gaceta feierten das „espectacular gol de taco“ als einen jener Momente, die den Wettbewerb über die Landesgrenzen hinaus tragen. Arabische Beobachter wiederum betonten die Rolle des portugiesischen Jokers, der dem Titelverteidiger eine neuerliche Chance auf die Trophäe eröffnet. Für den deutschsprachigen Raum hat das Ergebnis indes Konsequenzen, die weit über den Pokal hinausreichen. Stuttgarts Finaleinzug fixiert die Teilnahme am Europapokal über den DFB-Pokal – unabhängig vom Bundesliga-Ausgang. Dadurch verschiebt sich die europäische Qualifikationsrangfolge in der Liga, wovon vor allem Vereine im Rennen um die internationalen Plätze profitieren können. In Österreich und der Schweiz, wo man die Entwicklungen im Nachbarland stets genau beobachtet, dürfte diese Verschiebung mit Blick auf die UEFA-Koeffizienten und mögliche Transferbewegungen registriert werden.
Das Endspiel in Berlin gerät nun zum doppelten Duell: Der VfB will als erster schwäbischer Klub überhaupt den Pokal zweimal in Folge gewinnen, während der FC Bayern München nach einer titellosen Saison unter Zugzwang steht. Stuttgart kann mit dem Selbstverständnis des Titelverteidigers auftreten, muss aber die Kräfte nach einer strapaziösen Verlängerung und Szenen wie dem körperlichen Zusammenbruch von El Khannouss, der sich kurz vor der Verlängerung auf dem Rasen übergeben musste, sorgsam dosieren. Dass beide Finalisten in der Liga um europäische Plätze konkurrieren, verleiht dem Aufeinandertreffen zusätzliche Brisanz. Während aus Münchener Perspektive die Forderung nach einer sofortigen Korrektur der enttäuschenden Spielzeit laut wird, träumt man im Schwabenland von der endgültigen Etablierung im obersten Regal des deutschen Fußballs. Der Pokal, das hat dieser Halbfinalabend gezeigt, entzieht sich jeder Vorhersage – und genau darin liegt seine anhaltende Anziehungskraft.
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