
Globale Ölreserven auf Zehnjahrestief: Droht eine physische Verknappung?
Die weltweiten Rohölbestände fallen unter die kritische Schwelle. Im Nahen Osten droht der Verlust von einer Milliarde Barrel. Die Preise bleiben dennoch unter 140 Dollar.
Die weltweiten Ölreserven sinken auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt – und damit nähert sich der Markt einem Zustand, den Analysten lange nur theoretisch diskutierten: nicht mehr bloß teures, sondern knappes Öl. Wie die Schweizer Großbank UBS in einer aktuellen Analyse feststellt, könnten die globalen Lagerbestände bis Ende Mai auf rund 7,6 Milliarden Barrel fallen, trotz der Freigabe strategischer Reserven durch mehrere Regierungen. Der Alarm gilt nicht allein dem Preisniveau, sondern der Gefahr einer regionalen Unterversorgung, die Industrie und private Haushalte unmittelbar treffen würde (A1, A3).
Den Hauptgrund für die Zuspitzung liefert die anhaltende Blockade der Straße von Hormus. Durch diese Meerenge fließt etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls – doch der Tankerverkehr kommt nur noch schleppend voran. Die kumulierten Ausfälle an Rohöl und Kondensaten aus dem Nahen Osten belaufen sich laut dem Analysehaus Kepler auf inzwischen 782 Millionen Barrel seit Beginn der Unruhen, mit der Erwartung, dass die Milliardengrenze noch im Mai überschritten wird. Täglich fallen gegenwärtig rund 12,5 Millionen Barrel an Produktion und Export aus, was die Region in eine tiefe Angebotskrise gestürzt hat (A2). Aus Sicht der Golfstaaten handelt es sich längst nicht mehr um eine vorübergehende Transitstörung, sondern um eine strukturelle Zäsur der Energieversorgung.
Die Vereinigten Staaten reagieren, indem sie sowohl ihre kommerziellen als auch ihre strategischen Reserven anzapfen. In der ersten Maiwoche sanken die kommerziellen Bestände nach Angaben der US-Energieinformationsbehörde EIA um 4,3 Millionen Barrel auf 452,9 Millionen Barrel. Gleichzeitig wurden rund 8,6 Millionen Barrel aus der Strategic Petroleum Reserve entnommen, die damit auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2024 fiel (A5). Die Administration in Washington setzt damit auf eine kurzfristige Dämpfung, doch die Vorräte schmelzen rapide. Ein wirkliches Gegengewicht zur Angebotslücke am Persischen Golf können die Freigaben nicht bilden.
Angesichts dieser Gemengelage überrascht es, dass der Rohölpreis nicht noch dramatischer gestiegen ist. Brent-Rohöl erreichte Anfang April mit knapp 138 Dollar pro Fass zwar ein vorläufiges Hoch, blieb aber weit unter der Marke von 200 Dollar, die im Zuge der Hormus-Blockade zeitweise als realistisch galt. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte noch im März ein entsprechendes Szenario nicht mehr ausgeschlossen. Doch verschiedene Faktoren haben einen weiteren Preisschub verhindert: die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung, die strategische Freigabe von Reserven, aber auch eine beginnende Nachfragezerstörung in Teilen der asiatischen und europäischen Industrie (A4). Die Internationale Energieagentur IEA geht daher davon aus, dass der Preis im Mai um die 106 Dollar pendeln wird.
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz bedeutet diese Lage eine doppelte Herausforderung. Einerseits sind die drei Länder als Nettoimporteure direkt von höheren Energiepreisen betroffen, andererseits wächst mit der physischen Knappheit die Gefahr von Lieferunterbrechungen für Raffinerien. Während Washington vor allem auf seine eigenen Reserven setzt und die Golfstaaten ihre Exportkapazitäten neu justieren, bleibt Europa in einer prekären Abhängigkeit vom Seeweg durch Hormus. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die strategischen Freigaben und eine mögliche Abschwächung der Nachfrage ausreichen, um eine Versorgungskrise zu verhindern – oder ob der Markt tatsächlich in eine Ära der dauerhaften Knappheit eintritt.
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.30 | critical |
|---|---|---|
| Arabische Levante-Maghreb-Presse | −0.10 | neutral |
Die weltweiten Ölreserven nähern sich dem Zehnjahrestief, was Befürchtungen nicht nur über einen Preissprung, sondern über eine tatsächliche physische Verknappung in einigen Regionen weckt. Die Blockade der Straße von Hormus verschärft die Lage, sodass Analysten schwere wirtschaftliche Folgen prognostizieren.
Die kumulativen Rohölverluste im Nahen Osten übersteigen 782 Millionen Barrel und könnten bis Monatsende eine Milliarde erreichen, verursacht durch geopolitische Spannungen in der Straße von Hormus. Diverse Analysen deuten jedoch darauf hin, dass der Ölpreis trotz schwerer Störungen aufgrund mehrerer ausgleichender Faktoren möglicherweise nicht auf 200 Dollar steigt.
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