
Irans neuer Führer schwer verletzt: Die Mullah-Republik wird vom Militär regiert
Der neue oberste Führer Irans, Mojtaba Khamenei, regiert aus dem Verborgenen – und sein Zustand ist weit gravierender, als es das Regime bislang eingestehen wollte. Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Nachrichtendienste und iranischer Beamter, die sich auf Enthüllungen der New York Times stützen, erlitt Khamenei bei dem israelischen Luftangriff vom 28. Februar, der seinen Vater Ali tötete, schwerste Verletzungen. Sein Gesicht und seine Lippen wurden so stark verbrannt, dass er kaum sprechen kann; ein Bein musste dreimal operiert werden, ein Prothesenersatz steht noch aus. Aus Teheraner Sicht ist der neue Führer zwar geistig rege, aber körperlich so eingeschränkt, dass er bis auf Weiteres die Entscheidungsgewalt an die Generäle der Revolutionsgarden delegiert hat. Ein politischer Berater, der den Sohn Khameneis seit Jahren kennt, beschrieb die neue Machtarchitektur als eine Art Vorstandssitzung: Der Führer gebe die Richtung vor, doch das operative Geschäft – Krieg und Frieden, Verhandlungen mit dem Westen – liege in den Händen eines kollektiven Militärrats. Für ein Land, das noch immer unter den Folgen des verheerenden Krieges gegen Israel und die USA leidet, ist dies ein beispielloser Bruch mit der absolutistischen Tradition des verstorbenen Ayatollahs.
Die mediale Zurückhaltung des neuen Führers hat einen handfesten Grund. Aus Kreisen des iranischen Sicherheitsapparats verlautet, dass Khamenei keine Videoansprachen aufzeichnen lässt, um nicht als verwundbar oder schwach zu erscheinen. Seine schriftlichen Erklärungen, verlesen vom Staatsfernsehen, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land faktisch von einer Junta geführt wird. Aus Washingtoner Sicht verschärft dieser Zustand die ohnehin prekäre Lage: Die Gespräche über eine Feuerpause – zuletzt von Präsident Trump einseitig verlängert – stocken, weil Teheran die Aufhebung der Seeblockade zur Vorbedingung macht. Die Administration steht unter Zeitdruck, denn die Kongresswahlen im November rücken näher, und ein neuerlicher Waffengang wäre innenpolitisch riskant. Beobachter in Peking wiederum sehen mit Sorge, wie der Einfluss der Revolutionsgarden auf die iranische Außenpolitik zunimmt: Die Generäle gelten als kompromissloser als die zivilen Diplomaten, was einen Ausweg aus der Konfrontation erschwert.
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz bedeutet diese Entwicklung eine unmittelbare strategische Herausforderung. Die Europäer haben sich in den vergangenen Jahren als Vermittler zwischen Washington und Teheran profiliert, doch nun fehlt es auf iranischer Seite an einem verlässlichen Ansprechpartner, der über die Köpfe der Garden hinweg verbindliche Zusagen machen kann. Sollte die Waffenruhe nach dem 27. April nicht in eine dauerhafte diplomatische Lösung münden, droht nicht nur eine erneute Eskalation am Persischen Golf, sondern auch eine abermalige Flüchtlingswelle an die europäischen Außengrenzen. Die Bundesregierung und die Regierungen in Wien und Bern dürften daher mit Nachdruck auf multilaterale Gespräche drängen, noch bevor die militärischen Entscheidungsträger in Teheran vollends die Kontrolle übernehmen. Die Frage, ob der verwundete Führer jemals wieder als souveräner Stratege auftreten kann, bleibt indes so offen wie der Ausgang des Machtkampfes zwischen Moschee und Kaserne.
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