
Lula baut Vorsprung aus: Skandal um Flávio Bolsonaro und Trumps Zollpolitik verändern das Rennen
Die jüngste Erhebung des Instituts Quaest markiert eine Zäsur im brasilianischen Präsidentschaftswahlkampf: Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat seinen Vorsprung auf den Herausforderer Flávio Bolsonaro in einer möglichen Stichwahl auf sechs Prozentpunkte ausgebaut. Während Lula nun auf 44 Prozent der Stimmen kommt, fällt der Senator auf 38 Prozent zurück – ein Umschwung, der vor allem auf zwei Faktoren zurückgeführt wird: die Enthüllungen um seine Verbindungen zum Bankier Daniel Vorcaro und die Kontroverse um seine jüngste Reise zu US-Präsident Donald Trump. Aus brasilianischer Perspektive zeigt die Umfrage, dass die Wählergunst zunehmend von der Glaubwürdigkeit der Kandidaten abhängt, wobei Flávio Bolsonaro in beiden Punkten Schaden genommen hat.
Besonders aufschlussreich ist die Verschiebung unter den politisch unabhängigen Wählern, die rund ein Drittel des Elektorats ausmachen. In dieser Gruppe verlor Flávio Bolsonaro innerhalb eines Monats sieben Prozentpunkte, während Lula um acht Punkte zulegte – ein Nettozugewinn von 15 Punkten. Analysten in Brasília sehen darin eine direkte Reaktion auf die Veröffentlichung von Textnachrichten, in denen der Senator Vorcaro um Finanzierung für einen Film über seinen Vater Jair Bolsonaro bat. 65 Prozent der Befragten halten dieses Verhalten für falsch, und 58 Prozent vermuten, dass Flávio möglicherweise illegale Verwicklungen verschleiere. Die Quaest-Daten deuten darauf hin, dass der Versuch, sich als gemäßigter Kandidat zu präsentieren, durch die Enthüllungen nachhaltig beschädigt wurde.
Parallel dazu hat die außenpolitische Dimension des Wahlkampfs an Bedeutung gewonnen. Nach Flávios Treffen mit Trump in Washington schlug der US-Handelsbeauftragte neue Zölle von 25 Prozent auf brasilianische Exporte vor. Lula nutzte dies, um zu behaupten, die Zölle seien eine Vergeltung für Brasiliens erfolgreiches digitales Zahlungssystem PIX – eine Darstellung, der 46 Prozent der Befragten zustimmen. Flávio hingegen argumentiert, die Zölle seien eine Reaktion auf Lulas anti-amerikanische Rhetorik, findet damit aber nur bei 35 Prozent Gehör. Aus Washingtoner Sicht zeigt sich, dass Trumps Unterstützung für den Bolsonaro-Clan in Brasilien politisch zweischneidig ist: Statt Flávio zu stärken, hat die Nähe zu Trump ihm eher geschadet, da sie ihn als zu abhängig von ausländischen Interessen erscheinen lässt.
Die dritte Kraft im Rennen, vertreten durch den Kandidaten Renan Santos von der Bewegung Missão, bleibt mit drei Prozent im ersten Wahlgang marginal, schneidet aber in Stichwahlszenarien gegen Lula überraschend gut ab. Santos erreicht 31 Prozent, was ihn als potenziellen Sammelbecken für unzufriedene Wähler positioniert. Dennoch zeigt die Umfrage, dass die Polarisierung zwischen Lula und dem Bolsonarismus weiterhin das Feld dominiert – 56 Prozent der Wähler lehnen Flávio kategorisch ab, 53 Prozent Lula. Die Regierungsbewertung fällt mit 48 Prozent Missbilligung und 47 Prozent Zustimmung knapp negativ aus, was Lulas Spielraum begrenzt. Für die kommenden Monate wird entscheidend sein, ob Flávio Bolsonaro das Vertrauen der Unabhängigen zurückgewinnen kann oder ob der Skandal um Vorcaro und die Verstrickung mit Trump seinen Wahlkampf nachhaltig lähmt.
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