
Marathon-Zweisamkeit: Sabastian Sawe taucht in London unter zwei Stunden – auch sein Schuh wird zur Legende
Der Mythos ist gefallen. Am vergangenen Sonntag durchbrach der Kenianer Sabastian Sawe beim London-Marathon in 1:59:30 als erster Athlet unter regulären Bedingungen die Zwei-Stunden-Mauer über die klassische Distanz. Nur elf Sekunden später blieb auch der Äthiopier Yomif Kejelcha in seinem allerersten Wettkampf über 42,195 Kilometer mit 1:59:41 darunter – und vergoldete einen historischen Apriltag, an dem die gesamte Laufwelt eine Epochenschwelle überschritt. Dass mit der Kenianerin Joyciline Jepkosgei auch die schnellste Frau (2:15:40) auf Londoner Asphalt triumphierte, verlieh dem Rennen endgültig den Charakter eines Ausnahmetages.
Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte postwendend ein Schuh. Der Adizero Adios Pro Evo 3 von Adidas, von dem weltweit nur fünfhundert Paare gefertigt wurden, kostet im freien Verkauf fünfhundert Euro und war schon vor dem Rennen vergriffen. Auf Wiederverkaufsplattformen werden inzwischen Preise von über viertausend Dollar aufgerufen. Was ihn zur Ikone macht, ist nicht allein die Verknappung, sondern eine Bauweise, die Fachleute in Zürich als «Wegwerfschuh» charakterisieren: eine millimetergenau auf den Profifuss zugeschnittene Karbonplatten-Konstruktion mit maximalem Rückfedereffekt, konzipiert für einen einzigen Wettkampf. Sawe posierte nach dem Zieldurchlauf mit dem Modell in der Hand – ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis der Leichtathletik einbrennt.
Aus kenianischer Perspektive ist der Triumph mehr als ein sportlicher Durchbruch. Sawe, der als Kind in der Schule vor Wettläufen in die Küche flüchtete, um nicht aufzufallen, unterzog sich vor London freiwillig mehrfachen Dopingkontrollen. In einem Land, dessen Laufszene durch Fälle wie die dreijährige Sperre der Weltrekordlerin Ruth Chepng’etich erschüttert wurde, soll der Rekord ein Bekenntnis zum sauberen Sport sein. Der Blick aus Äthiopien liefert dazu eine fast poetische Fußnote: Yomif Kejelcha, der in Frankfurt am Main von seinem Unvermögen sprach, das Erlebte in Worte zu fassen, hatte sich selbst noch vor dem Start für ungeeignet erklärt, die magische Marke zu knacken. Er widerlegte sich auf die radikalste Weise.
In der Golfregion blühen unterdessen eigene Marathon-Erzählungen auf. Ein 34-jähriger indischstämmiger Einwohner Abu Dhabis lief den London-Kurs in traditioneller Kandura mit der Flagge der Emirate und sicherte sich einen Guinness-Eintrag – eine Geste des kulturellen Stolzes. Gleichzeitig formt der 23-jährige Mridul Manoj im Dubai Silicon Oasis unter dem Motto «More Life» eine Graswurzel-Bewegung, die nicht Zeiten jagt, sondern Begegnung stiften will. Beobachter in Québec wiederum zeigen sich kaum überrascht: Die Kombination aus physiologischer Weltklasse und radikaler Schuhtechnologie habe den Rekord längst angekündigt, argumentiert der Verbandstrainer Félix-Antoine Lapointe.
Was bleibt, ist ein Sport an der Grenze des Messbaren. Mit der angekündigten breiteren Markteinführung des Superschuhs im Herbst wird der Zugang zu den entscheidenden Zehntelsekunden demokratisiert – und die Debatte um Fairness und technologisches Wettrüsten neu entfachen. Für deutsche, österreichische und Schweizer Veranstalter von Citymarathons stellt sich die Frage, ob bald ein eigenes Nachdenken über Nachhaltigkeit kurzlebiger Hochleistungsprodukte nötig wird. Die Grenze, so resümiert ein spanischer Kommentator die Gefühlslage, existiere sehr wohl – nur wisse niemand, wo genau sie verlaufe. Sabastian Sawe hat sie ein Stück weit verschoben.
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