
Musk lässt Betrugsvorwürfe fallen – im OpenAI-Prozess geht es nun um Vertrauen und Milliarden
Der Rechtsstreit um die Seele der künstlichen Intelligenz nimmt kurz vor der entscheidenden Runde eine überraschende Wendung. Elon Musk hat wenige Tage vor dem auf den 27. April angesetzten Prozessbeginn vor einem kalifornischen Gericht einen Grossteil seiner Klage gegen OpenAI und deren Mitgründer Sam Altman zurückgezogen. Wie aus amerikanischen Gerichtsunterlagen hervorgeht, strich der Unternehmer 24 von ursprünglich 26 Anklagepunkten – darunter den spektakulären Vorwurf des organisierten Betrugs. Die zuständige Richterin folgte Musks Antrag auf eine „Vereinfachung“ des Verfahrens; verhandelt wird nun allein über den mutmasslichen Missbrauch gemeinnütziger Vermögenswerte und über ungerechtfertigte Bereicherung. In der Tech-Elite des Silicon Valley wird dieser taktische Rückzug als Versuch gewertet, die Geschworenen auf den Kern des Zerwürfnisses zu fokussieren: den Vorwurf, OpenAI habe unter Altmans Führung sein Gründungsversprechen verraten und sich von einer uneigennützigen Forschungseinrichtung in eine profitorientierte Microsoft-Tochter verwandelt.
Die juristische Kontroverse wurzelt im Jahr 2015, als Musk gemeinsam mit Altman und weiteren Visionären die Organisation als nichtkommerzielles Projekt aus der Taufe hob, um KI „zum Wohle der Menschheit“ zu entwickeln. In seiner Klage, die auf Schadenersatz in Höhe von 150 Milliarden Dollar zielt – Geld, das nach Musks Darstellung karitativen Zwecken zufliessen soll –, zeichnet der Kläger das Bild einer schleichenden Übernahme. OpenAI habe mithilfe exklusiver Microsoft-Lizenzverträge ein geschlossenes, milliardenschweres Geschäftsmodell errichtet und die ursprüngliche Transparenz zugunsten kommerzieller Geheimhaltung aufgegeben. Aus Washingtoner Sicht ist der Fall längst mehr als ein persönlicher Groll zwischen Tech-Milliardären; er berührt kartellrechtliche Grauzonen um die Verflechtung von Microsoft und OpenAI, die auch in Brüssel mit Argwohn registriert werden.
Während sich die juristischen Fronten verhärten, wirft ein kurioses Detail ein Schlaglicht auf die Aufmerksamkeitsökonomie rund um die Protagonisten. Ein Fertigungsunternehmer aus Nevada, Jim Belosic, liess sich nicht lumpen und zahlte 100.000 Dollar, um ein Podcast-Interview mit Altman und OpenAI-Präsident Greg Brockman aus der Bezahlschranke des Journalisten Ashlee Vance zu befreien. Die Episode zeigt, wie sehr die Deutungshoheit über Altmans Visionen inzwischen selbst zum handelbaren Gut geworden ist – eine Form der Hingabe, die im scharfen Kontrast zu Musks harscher Polemik steht, OpenAI sei zur „Bereicherungsmaschine“ verkommen.
Der Tesla- und SpaceX-Chef setzt unterdessen auf seiner Plattform X ganz andere Töne. Laut einer Analyse der Washington Post veröffentlichte Musk in den vergangenen sechs Monaten mehr als 850 Beiträge zum Thema Rasse, darunter Anspielungen auf einen vermeintlichen „weissen Genozid“. Solche Äusserungen, notierte das Blatt, entfremden zunehmend selbst loyale Anhänger; ein ehemaliger Tesla-Investor sprach von einer Entscheidung zwischen Geld und Moral. Beobachter in europäischen Hauptstädten fragen sich, ob ein derart polarisierender Kläger in einem ohnehin schwer durchdringbaren Wirtschaftsprozess vor einer kalifornischen Jury überhaupt die nötige Glaubwürdigkeit aufbringen kann.
Für den deutschsprachigen Raum ist der Prozess von unmittelbarer Bedeutung. Die enge Bindung zwischen OpenAI und Microsoft tangiert die Wettbewerbsbedingungen für europäische KI-Anbieter und wirft Fragen nach der Durchsetzbarkeit des EU-KI-Gesetzes auf. Sollte das Gericht zu der Auffassung gelangen, dass OpenAI seine gemeinnützige Substanz illegal ausgehöhlt hat, könnten Regulierer in Berlin, Wien und Bern zusätzliche Argumente erhalten, um schärfere Auflagen für transatlantische KI-Partnerschaften zu fordern. Umgekehrt würde ein Freispruch das Modell einer kommerziell ausgerichteten, aber ethisch deklarierten KI-Forschung festigen – und damit den Druck auf europäische Alternativen erhöhen.
Die nun anstehende Hauptverhandlung wird zeigen, ob das ursprüngliche Ideal einer dem Gemeinwohl verpflichteten künstlichen Intelligenz gegen die Schwerkraft des Marktes bestehen kann. Gut zwei Jahre nach dem ersten öffentlichen Schlagabtausch der beiden früheren Weggefährten entscheidet sich nicht nur ein milliardenschwerer Zivilprozess, sondern auch die Frage, wem die Zukunft der KI gehört – den Philanthropen, den Investoren oder einer noch zu definierenden Mischung beider Sphären.
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