
Neue Impulse für mexikanisches Kino: FICG zeigt Filme zwischen Tradition, Horror und Aufarbeitung
Das Festival Internacional de Cine en Guadalajara (FICG) hat in seiner 41. Ausgabe eine Reihe von Projekten vorgestellt, die das mexikanische Kino in neue thematische und ästhetische Richtungen führen. Im Zentrum steht eine mexikanisch-amerikanische Koproduktion, die den Día de Muertos – das weithin bekannte Totenfest – neu interpretiert. Der Film, dessen Handlung aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählt wird, zeigt das Ende zu Beginn und lässt das Publikum schrittweise die Vorgeschichte entdecken. Nach Angaben der Macher sind bereits drei Fortsetzungen geplant, die erste befindet sich in Arbeit. Die Dreharbeiten fanden überwiegend im Bundesstaat Jalisco statt, an Schauplätzen wie Krankenhäusern, Friedhöfen und Landstraßen – eine enge Verzahnung von regionaler Identität und internationaler Erzählkunst, die aus mexikanischer Sicht den kulturellen Exportwert des eigenen Erbes unterstreicht.
Parallel dazu wagte sich der renommierte Schauspieler Damián Alcázar erstmals an ein Horrorprojekt, das demnächst in Kolumbien gedreht wird. Seine Motivation entspringt einer persönlichen Erfahrung: Als Kind begegnete Alcázar nach eigenen Worten Geistern, und später versuchte er vergeblich, Kontakt zu einer verstorbenen Geliebten aufzunehmen. Diese Faszination führte ihn nun auf ein Filmset, das paranormale Phänomene thematisiert. In der Branche wird dies als Zeichen dafür gewertet, dass mexikanische Darsteller zunehmend Genregrenzen überschreiten und sich auch international in Nischen wie dem Horrorfilm etablieren – ein Trend, der aus Hollywooder Perspektive die wachsende Nachfrage nach lateinamerikanischen Stoffen widerspiegelt.
Einen anderen Akzent setzt der Produzent Pedro Damián, der für Telenovelas wie „Rebelde“ bekannt ist. In Guadalajara präsentierte er zwei neue Arbeiten: ein mariachi-inspiriertes Dramedy, das in derselben Stadt gedreht werden soll, sowie einen Dokumentarfilm über die Aufarbeitung eines Genozids von 1994, bei dem eine Million Menschen ums Leben kamen. Der Dokumentarfilm, dessen Dreharbeiten im Juni abgeschlossen sein sollen, greift die Frage nach gesellschaftlicher Reorganisation nach einem Massenverbrechen auf. Damit schlägt er eine Brücke zu globalen Debatten über Erinnerungspolitik – ein Thema, das auch in deutschsprachigen Ländern zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Das FICG erweist sich einmal mehr als Seismograf für die Richtung, die das mexikanische Kino einschlägt: Es verbindet folkloristische Traditionen mit Genre-Experimenten und zeitgeschichtlicher Reflexion. Während die Koproduktion mit den USA auf den internationalen Markt zielt, loten die anderen Projekte lokale Stoffe aus, die jedoch universelle Fragen nach Tod, Trauma und Identität aufwerfen. Beobachter in Mexiko-Stadt sehen darin den Beginn einer Ära, in der der Filmstandort Mexiko nicht mehr nur als Kulisse, sondern als Impulsgeber für eine transnationale Ästhetik wahrgenommen wird. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob diese Impulse auch das deutsche und österreichische Kino erreichen, das selbst vor ähnlichen Herausforderungen zwischen Regionalität und Globalisierung steht.
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