
Neun Tore in Paris: Ein Halbfinale, das den Fußball neu definiert
Das Halbfinal-Hinspiel der Champions League zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Bayern München endete mit einem 5:4, das die Geschichte des Wettbewerbs neu schrieb. Noch nie waren in einer Vorschlussrunde neun Tore gefallen, noch nie hatten beide Mannschaften mindestens vier Treffer erzielt. Was im Prinzenparkstadion geboten wurde, war mehr als ein Fußballspiel: Es war ein Rausch aus Vertikalität, Tempo und individueller Genialität, der die Fachwelt in zwei Lager spaltet. Für die einen war es die reinste Werbung für den Sport, für die anderen ein defensiver Offenbarungseid, der an „unreifes Verhalten“ erinnere, wie der frühere Stürmer Wayne Rooney anmerkte.
Aus Pariser Sicht überwiegt der Stolz. Die Zeitung „L’Équipe“ spricht von einem „außergewöhnlichen Spiel“, das PSG die berechtigte Hoffnung auf eine Titelverteidigung gebe. Der französische „Le Figaro“ adelt die Partie als „Fußballspektakel der Extraklasse“ und als legendär. In München hingegen mischt sich Bewunderung mit Sorge: Die „Bild“-Zeitung nennt das 4:5 „unfassbar“ und beklagt die fehlende defensive Kontrolle, die bereits im Viertelfinale gegen Real Madrid für Schlagzeilen gesorgt hatte. Die italienischen Medien nutzen das Spiel als Schelte für die heimische Serie A: „Ein Schlag ins Gesicht des italienischen Fußballs“, schreibt „MillenniuM“ mit Blick auf die Leichtigkeit der Dribblings und die Absenz von Angst. Aus spanischer Perspektive lobt die „Marca“ das „reine Chaos“ und prophezeit, dass über dieses Duell noch „jahrelang gesprochen“ werde.
Die taktische Grundlage des Spektakels war die beidseitige Entscheidung für eine offensive Manndeckung über den ganzen Platz. Bayerns Trainer Vincent Kompany, der wegen einer Sperre von der Tribüne aus zusehen musste, verteidigte diesen Ansatz: „Entweder man verteidigt mit dieser Intensität nach vorne, oder man verkriecht sich mit einem tiefen Block – einen Mittelweg gibt es nicht.“ Sein Gegenüber Luis Enrique zeigte sich von der eigenen Offensive so überzeugt, dass er nach eigener Aussage sein Trainerteam gefragt habe, wie viele Tore man im Rückspiel benötige. Die Antwort: mindestens drei. Ein Paradoxon angesichts des 5:4-Vorsprungs, doch es unterstreicht die Offenheit der Partie.
Der Blick voraus auf das Rückspiel am 7. Mai in der Allianz Arena verspricht eine Fortsetzung des Hochgeschwindigkeitsfußballs. Die Münchner wissen, dass ein einfacher Sieg zur Verlängerung reicht, ein Erfolg mit zwei Toren Differenz zum Endspiel in Budapest. Kompany appellierte an die Fans, nur die „allerfittesten“ Karteninhaber ins Stadion zu lassen, um die nötige Wucht zu erzeugen. Die Frage, ob dieses Halbfinale der Höhepunkt einer Saison voller besonderer Momente war, wird sich erst im Rückspiel endgültig beantworten. Doch eines ist jetzt schon klar: Die Partie in Paris hat die Gretchenfrage des Fußballs – ob man lieber ein 0:0 oder ein 5:4 sieht – für viele Zuschauer ein für alle Mal entschieden.
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