
Paschinyans Tabubruch: Armenischer Premier stellt Genozid-Erzählung infrage
Nikol Paschinjan hat mit einer historischen Einordnung des Völkermords an den Armeniern eine innenpolitische und diplomatische Kontroverse ausgelöst. Der armenische Premierminister erklärte zum 111. Jahrestag der Massaker von 1915, der Genozid sei auch das Ergebnis der „Verwicklung des armenischen Volkes in internationale Intrigen“ gewesen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen und 1915 ihren tragischen Höhepunkt erreicht habe. Paschinjan berief sich dabei auf den von der Nationalen Akademie der Wissenschaften veröffentlichten Band „Geschichte Armeniens“. Die Aussage ist ein Bruch mit der jahrzehntelangen armenischen Geschichtspolitik, die den Genozid einseitig als Ergebnis osmanischer Vernichtungsabsicht deutet. Aus Erewaner Sicht signalisiert Paschinjan damit Bereitschaft, das historische Trauma nicht mehr als Waffe gegen die Türkei einzusetzen, sondern eine Versöhnung zu wagen – ein Schritt, der ihm in der Diaspora und bei nationalistischen Kräften im eigenen Land heftige Kritik einbringen dürfte.
Die Haltung des Premiers steht in direktem Zusammenhang mit einem Vorfall am Vorabend des Gedenktages. Bei einer traditionellen Fackeldemonstration in Erewan verbrannten Teilnehmer eine türkische Fahne. Paschinjan verurteilte die Aktion umgehend als „provokativ“, „unverantwortlich“ und „inakzeptabel“. Sein Sprecher ließ mitteilen, der Regierungschef könne die Verbrennung der Flagge eines international anerkannten Staates, noch dazu eines Nachbarn, nicht anders bewerten. Damit stellt sich Paschinjan demonstrativ gegen die radikalen Kräfte, die den Türkei-Hass pflegen, und unterstreicht seinen Kurs der Normalisierung.
In Ankara dürfte die Wortwahl Paschinjans mit Skepsis, aber auch als mögliche Öffnung registriert werden. Die türkische Führung bestreitet den Völkermord bis heute und verlangt von Armenien einen Schlussstrich unter die historischen Anklagen. Beobachter in Moskau hingegen sehen Paschinjans Vorstoß mit Sorge: Der Kreml hat die armenische Geschichtserzählung lange als Hebel gegen die Türkei und die Nato genutzt. Dass Erewan nun diese Karte nicht mehr ausspielen will, könnte die russische Position in Transkaukasien schwächen. Aus Berliner und Wiener Perspektive stellt sich die Frage, ob die Anerkennung des Genozids durch den Bundestag und die österreichische Nationalversammlung nun an politischer Sprengkraft verliert oder ob Paschinjan damit die internationale Solidarität mit Armenien untergräbt.
Der Vorstoß des Premiers ist ein strategisches Kalkül. Er braucht Fortschritte im Friedensprozess mit Aserbaidschan und der Türkei, um sein Land aus der Isolation zu führen. Doch ob er die armenische Gesellschaft, die von Trauer und Misstrauen geprägt ist, hinter sich versammeln kann, ist offen. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Paschinjan die Deutungshoheit über die eigene Geschichte zurückgewinnt oder ob die Gemäßigten im Land erneut von den Nationalisten überstimmt werden.
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