
Gigantischer Tsunami in Alaska: 481 Meter hohe Welle als Warnsignal für die Klimakrise
Ein Erdrutsch in Alaska löste im August 2025 einen der höchsten je gemessenen Tsunamis aus. Wissenschaftler warnen vor zunehmenden Gefahren durch schmelzende Gletscher.
Es war ein Ereignis, das die Dimensionen des Gewohnten sprengt. Am 10. August vergangenen Jahres stürzten im abgelegenen Tracy-Arm-Fjord im Südosten Alaskas mehr als sechzig Millionen Kubikmeter Gestein – das Volumen von vierundzwanzig großen Pyramiden – innerhalb einer Minute in die Tiefe. Der Aufprall löste eine gewaltige Wasserverdrängung aus, die eine Welle von 481 Metern Höhe den Berghang hinauftrieb. Damit handelt es sich um den zweithöchsten jemals gemessenen Tsunami, nur übertroffen von dem Megatsunami in der Lituya Bay im Jahr 1958. Dass die Katastrophe keine Menschenleben forderte, lag allein am frühen Morgen: 5 Uhr 26 Ortszeit, als die Touristenschiffe, die den Fjord regelmäßig befahren, noch nicht unterwegs waren. Die Welle, die sich mit mehr als 250 Stundenkilometern durch das Fjordsystem fraß und erst nach 36 Stunden im offenen Meer auslief, blieb der Öffentlichkeit lange verborgen. Nun hat eine im Fachblatt Science veröffentlichte Studie die Vorgänge minutiös rekonstruiert und liefert alarmierende Einsichten für die Küstenregionen des pazifischen Nordwestens.
Aus kanadischer Sicht ist der Vorfall mehr als eine wissenschaftliche Kuriosität. Dan Shugar, Professor an der University of Calgary und Koautor der Studie, verweist auf Städte wie Prince Rupert und Port Alberni in British Columbia, die am Kopf ähnlicher Fjorde liegen. Die Topografie dieser Siedlungen gleiche jener von Tracy Arm gefährlich. Auch die ökologischen Verwüstungen sind gewaltig: Der Tsunami riss große Waldflächen mit sich, vernichtete Lebensräume und lagerte Sedimente in einer noch nicht absehbaren Weise um. Für die lokale Fischerei und den Tourismus, die wirtschaftlichen Säulen der Region, könnte dies langfristige Folgen haben.
Die eigentliche Brisanz des Ereignisses liegt jedoch in seiner Ursache. Der Erdrutsch ereignete sich am Fuße eines sich zurückziehenden Gletschers. Die Gesteinsmassen waren durch das Abschmelzen des Eises destabilisiert worden – ein Prozess, der sich mit der Erderwärmung beschleunigt. Wissenschaftler in Peking, die Satellitendaten auswerten, haben ähnliche Phänomene in den Gebirgen des Himalaya dokumentiert. Aus europäischer Perspektive, insbesondere für die Alpenländer Schweiz, Österreich und Deutschland, ergibt sich ein warnendes Bild. Zwar sind die Fjorde Alaskas geologisch anders beschaffen, doch auch in den Alpen führen schmelzende Permafrostböden und Gletscherrückgänge zu vermehrten Felsstürzen und Bergstürzen. Die Frage, ob solche Massenbewegungen in seenahen Regionen wie dem Schweizer Kanton Wallis oder den oberitalienischen Alpenseen ebenfalls Flutwellen auslösen könnten, beschäftigt die Fachwelt zunehmend.
Der Blick nach vorn verlangt politisches Handeln. Die Studie ruft Entscheidungsträger in Alaska und British Columbia auf, Frühwarnsysteme zu installieren und Siedlungen in gefährdeten Fjorden zu kartieren. Bislang fehlt es an systematischer Überwachung, obwohl die Zahl der potenziell gefährlichen Gletscherseen und instabilen Hänge weltweit zunimmt. Für den deutschsprachigen Raum bedeutet dies, dass die geologischen Dienste der Länder ihre Langzeitbeobachtung der Hochgebirge verstärken sollten. Der Tsunami von Tracy Arm ist nicht nur eine Mahnung aus der Ferne, sondern ein Menetekel für die eigene Verwundbarkeit angesichts eines sich rasant verändernden Klimas.
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