
Rücktritt der Biennale-Jury: Venedigs Kunstfest wird zum politischen Minenfeld
Die internationale Jury der 61. Kunstbiennale von Venedig ist geschlossen zurückgetreten – neun Tage vor der Eröffnung der weltweit bedeutendsten Schau zeitgenössischer Kunst. Die fünf Mitglieder um die brasilianische Kuratorin Solange Farkas folgten damit ihrer eigenen Ankündigung vom 22. April, Künstler aus Ländern, deren Führungspersonen vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind, von den Preisen auszuschließen. Dies traf Russland und Israel. Die Biennale-Leitung gab den Schritt ohne weitere Begründung bekannt; zugleich wurde die Preisverleihung vom Eröffnungstag auf den 22. November verschoben und zwei „Leoni dei Visitatori“ als Publikumspreise eingeführt, an denen nun alle Nationen teilnehmen können.
Der Eklat ist der vorläufige Höhepunkt eines seit Monaten schwelenden Streits, der die traditionsreiche Institution an den Rand des Kollapses treibt. Ausgangspunkt war die Entscheidung des Biennale-Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco, Russland trotz des Angriffskriegs gegen die Ukraine wieder zur Teilnahme einzuladen. Aus Brüsseler Sicht ein unhaltbarer Affront: Die EU-Kommission fror daraufhin einen Zuschuss in Höhe von zwei Millionen Euro ein. Die italienische Regierung unter Giorgia Meloni distanzierte sich von der Entscheidung – „nicht geteilt“, so die Ministerpräsidentin –, betonte aber die Autonomie der Biennale. Gleichwohl entsandte Kulturminister Alessandro Giuli am Vortag des Juryrücktritts Inspektoren nach Venedig, um die Vorgänge zu prüfen. Aus Moskauer Perspektive wiederum ist das Nachgeben gegenüber den EU-Forderungen ein neuerlicher Beleg für die politische Instrumentalisierung der Kunst. Der russische Pavillon präsentiert in diesem Jahr ein Projekt mit dem Titel „Der Baum wächst mit den Wurzeln in den Himmel“, ein musikalisches Festival mit Teilnehmern aus Russland, Argentinien, Brasilien, Mali und Mexiko.
Für den deutschsprachigen Raum, der in der Biennale stets stark vertreten ist, wirft der Eklat grundsätzliche Fragen auf: Wie weit darf sich ein Kulturfestival politischen Auflagen beugen, ohne seinen neutralen Anspruch aufzugeben? Die Jury, die ihren Schritt mit der Verteidigung der Menschenrechte begründete, hat eine rote Linie gezogen – und ist damit gescheitert. Die Biennale steht nun vor der paradoxen Situation, dass ausgerechnet diejenigen, die über künstlerische Exzellenz urteilen sollten, durch ihr Ausscheiden die Bühne für jene Akteure freigeben, die sie ausschließen wollten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Verschiebung der Preisvergabe und die Einführung von Publikumspreisen ausreichen, um den Schaden zu begrenzen, oder ob die Biennale – wie die Konflikte, die sie abbildet – unwiderruflich in die politische Polarisierung hineingezogen wird.
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