
Sinner vor historischem fünften Masters-Titel in Serie – Zverev als letzter Stolperstein
Jannik Sinner marschiert unaufhaltsam durch die Tenniswelt und steht in Madrid vor einem Eintrag in die Geschichtsbücher, wie es ihn selbst zu Zeiten von Federer, Nadal und Djokovic nicht gegeben hat. Der 25-jährige Südtiroler bezwang am Freitag den französischen Hoffnungsträger Arthur Fils im Halbfinale des Masters-1000-Turniers mit 6:2 und 6:4 und erreichte damit als erst vierter Spieler überhaupt die Finali aller neun Masters-Events – und das als jüngster. Am Sonntag kann er mit einem Sieg gegen Alexander Zverev oder den belgischen Überraschungsmann Alexander Blockx als erster Profi fünf aufeinanderfolgende Masters-1000-Trophäen gewinnen. Der letzte Rückschlag in einem Turnier dieser Kategorie datiert für Sinner aus dem Oktober des Vorjahres in Schanghai.
Die Partie in der Caja Mágica offenbarte vor allem einen Reifegrad, der selbst hochtalentierte Herausforderer wie Fils alt aussehen lässt. Der 21-jährige Franzose, erst vergangene Woche Turniersieger in Barcelona, hatte bis zu diesem Nachmittag in Madrid keine einzige Breakchance zugelassen. Gegen Sinner wirkte er von Beginn an wie ein Lehrling. Schon nach knapp zwanzig Minuten führte der Weltranglistenerste 5:1, im gesamten ersten Satz gab er nur vier Punkte ab. Als Fils im zweiten Durchgang über seinen Aufschlag besser ins Match fand und phasenweise den Druck erhöhte, genügte Sinner im neunten Spiel ein einziges Zeitlupen-Rallye, abgeschlossen mit einem Rückhand-longline-Schlag, um das entscheidende Break zu erzwingen. Es war der 350. Sieg seiner Karriere – Sinner ist der erste nach der Jahrtausendwende geborene Profi, der diese Marke erreicht.
Aus deutschsprachiger Perspektive ist diese Finalkonstellation von doppeltem Reiz. Sinner, aufgewachsen im Pustertal mit deutschen und italienischen Wurzeln, verkörpert längst die Synthese zweier Sportkulturen. In seiner Heimat hat er eine Euphorie ausgelöst, die nach Überzeugung des italienischen Verbandschefs Angelo Binaghi sogar den Fussball als Volkssport überholen könnte – ein Szenario, das in Rom und Mailand noch vor wenigen Jahren undenkbar schien. Auf der anderen Seite des Netzes könnte am Sonntag der gebürtige Hamburger Alexander Zverev stehen, der am Freitag Flavio Cobolli aus Rom im Viertelfinale mit 6:1 und 6:4 bezwang. Zverev, in Madrid an Nummer drei gesetzt, muss zunächst den 21-jährigen Blockx bezwingen, der zuvor überraschend weit vordrang. Eine Endspielauflage zwischen Sinner und Zverev wäre für Österreich und die Schweiz kaum weniger interessant als für Deutschland und Italien, da beide Spieler das Gerüst der Weltspitze auf Sand für die kommenden Wochen prägen.
Während Beobachter in Paris das schnelle Ende der französischen Träume vermelden, blickt man in Buenos Aires und Barcelona mit Respekt auf die schiere Dominanz des Italieners, die selbst den einstigen Radaubrüdern der Szene eine stille Lektion erteilt. Am Rande des Turniers sorgte der Umstand für Schmunzeln, dass der frühere Wutbürger Marat Safin nun als Mentaltrainer seines Landsmanns Andrej Rublew im ruhigsten Winkel des Spielerhotels meditiert. Es ist, als ob die neue Garde um Sinner nicht nur mit Schläger und Physis, sondern auch mit einem anderen Seelenhaushalt die alte Schule ablöst.
Die Vorzeichen für den Endkampf könnten kaum klarer sein: Sinner ist seit 22 Partien ungeschlagen, gewann die letzten vier Masters-Turniere von Indian Wells über Miami und Monte Carlo bis nun Madrid. Die rekordträchtige fünfte Trophäe in Serie wäre mehr als ein statistischer Meilenstein – sie würde einen historischen Formstand auf jenem Belag zementieren, der bei den French Open in wenigen Wochen den ultimativen Härtetest bereithält. Sollte Zverev den Einzug ins Finale schaffen, stünden sich zwei Spieler gegenüber, die beide auf ihre Weise die deutsch-italienische Tennisachse auf ein neues Niveau heben und beweisen, dass die grossen Erzählungen dieses Sports längst nicht mehr von London oder New York allein bestimmt werden.
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