
Trump kehrt zum Galadinner der Journalisten zurück – doch die Komik bleibt draußen
In Washington findet an diesem Samstag ein Ritual statt, das seit Jahrzehnten als Lackmustest der amerikanischen Demokratie gilt: das Galadinner der White House Correspondents’ Association. Erstmals in seiner Präsidentschaft wird Donald Trump an der Ehrentafel Platz nehmen. Was als Zeichen der Annäherung zwischen Macht und Presse inszeniert wird, trägt jedoch von Beginn an Züge einer Verkehrung des Üblichen. Denn anstelle eines Komikers, der den Präsidenten traditionell mit spitzer Zunge attackiert, tritt mit Oz Pearlman ein Mentalist auf – ein Zauberer, dessen Kunst darin besteht, Gedanken zu lesen, nicht sie herauszufordern. Aus Washingtoner Sicht ist das kein Zufall, sondern Eingeständnis einer Branche, die fürchtet, mit offener Satire den Zorn eines ohnehin pressefeindlichen Amtsinhabers zu entfachen.
Die Symbolik dieses Abends erschließt sich erst im Blick zurück. Im April 2011 saß Trump, damals noch Immobilien-Tycoon ohne Amt, als Gast im selben Saal und musste ertragen, wie Barack Obama und Komiker Seth Meyers ihn mit beißendem Spott überzogen. In der italienischen Presse, etwa bei Domani, gilt diese Nacht als Geburtsstunde des Trumpismus – ein Moment öffentlicher Demütigung, der den unbändigen Willen zur Rache nährte. Fünfzehn Jahre später kehrt Trump nicht als geduldeter Zaungast zurück, sondern als Präsident, der seine Boykotte der vorangegangenen Jahre demonstrativ beendet, um die Bühne nun selbst zu besetzen. Aus kanadischer Perspektive, wie Radio-Canada notiert, ist das Unbehagen greifbar: Ein Präsident, der Journalisten pauschal als ‚Feinde des Volkes‘ verunglimpft, lässt sich von ebenjenen feiern – und verzichtet darauf, sich der läuternden Kraft des Humors auszusetzen.
Die Entscheidung der Korrespondentenvereinigung, auf einen Komiker zu verzichten, wird in den Vereinigten Staaten höchst unterschiedlich bewertet. Eric Garcia vom Independent argumentiert, dass Trump die Medien für seine Legitimation ebenso benötige wie umgekehrt die Presse die Nähe zur Macht – eine wechselseitige Abhängigkeit, die den Präsidenten überhaupt erst an den Tisch bringe. Doch dieser Pragmatismus stößt auf scharfen Widerspruch. Die Moderatorin Ana Navarro, bekannt aus „The View“, erklärte unter Verweis auf Trumps Angriffe auf Verfassungsinstitutionen, sie werde sich nicht einmal „von hundert Pferden blindlings in diesen Saal schleifen lassen“. Das junge Medium Zeteo geht noch weiter und boykottiert das Dinner vollständig; es wirft Trump vor, den ersten Verfassungszusatz auszuhöhlen, ausländische Studierende wegen pro-palästinensischer Äußerungen zu inhaftieren und eine globale Wirtschaftskrise zu riskieren – wer unter solchen Vorzeichen mit dem Präsidenten dinierte, mache sich gemein, so der Vorwurf.
Für Beobachter in Berlin, Wien und Zürich besitzt dieser Abend eine Bedeutung, die über die Befindlichkeiten der Washingtoner Elite hinausreicht. Die deutschsprachigen Demokratien, deren Medienfreiheit zu den robusten der Welt zählt, sehen im amerikanischen Vorbild seit jeher einen Gradmesser. Wenn das traditionelle Ritual des respektvoll-respektlosen Dialogs zugunsten einer konfliktfreien Zaubershow aufgegeben wird, nährt dies Zweifel an der Resilienz der amerikanischen Institutionen. Ein Mentalist, der Gedanken errät, wo einst bissige Kommentare das Gleichgewicht symbolisierten, könnte als Sinnbild einer sich selbst zensierenden Presse verstanden werden – ein Signal, das auch in Europa jenen Kräften Auftrieb gibt, die fordern, ‚nationale Medien‘ vor vermeintlicher Elitenkritik zu schützen.
Was aus dem Dinner folgt, bleibt abzuwarten. Trump wird eine Rede halten, und schon jetzt prahlt er, die Korrespondenten erkennten ihn als „größten Präsidenten“ an. Sollte der Saal diese Eigeninszenierung mit Applaus quittieren, wäre das nicht nur ein ästhetischer Bruch, sondern ein politischer. Für die transatlantische Gemeinschaft, die auf gemeinsamen Werten wie der Pressefreiheit beruht, stünde mehr auf dem Spiel als eine Abendunterhaltung. Der Rückzug des Humors aus dem politischen Diskurs ist keine Petitesse – er markiert, wie leichtfertig das demokratische Immunsystem geschwächt wird, wenn die Macht ironiefrei wird.
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