
US-Raketenbestände nach Iran-Krieg dramatisch geschrumpft – Risiko für künftige Konflikte
Washington steht vor einem strategischen Dilemma: Die monatelangen Luft- und Raketenangriffe gegen Iran haben die Bestände der amerikanischen Streitkräfte an hochentwickelten Lenkwaffen in einem Maße dezimiert, das selbst Pentagon-interne Prüfungen als „erhebliches Risiko auf kurze Sicht“ einstufen. Laut übereinstimmenden Berichten mehrerer Nachrichtenagenturen, die sich auf Quellen im Verteidigungsministerium und Experten des Center for Strategic and International Studies stützen, wurden allein in den ersten sieben Wochen des Konflikts rund 45 Prozent der Präzisionsschlagraketen sowie etwa die Hälfte der THAAD-Abfangraketen und der Patriot-Luftabwehrsysteme verbraucht. Die Gefahr, dass bei einem neuen Konflikt binnen weniger Jahre die Munition ausgeht, sei nicht von der Hand zu weisen, heißt es aus Washingtoner Sicherheitskreisen.
Aus Pekinger Perspektive gewinnen diese Enthüllungen eine besondere Brisanz: Ausgerechnet jene Waffensysteme, die im Pazifik gegen eine militärisch erstarkte Volksrepublik zum Einsatz kämen, sind nun knapp. Analysten weisen darauf hin, dass die Wiederauffüllung der Arsenale Jahre dauern wird – das Pentagon habe zwar Anfang des Jahres Verträge zur Steigerung der Produktion unterzeichnet, doch die Lieferfristen betragen drei bis fünf Jahre. In Beijing dürfte man diese zeitliche Lücke als strategische Atempause interpretieren, die eigene Planungen für einen möglichen Konflikt um Taiwan oder im Südchinesischen Meer begünstigt.
Für Europa, insbesondere für Deutschland, Österreich und die Schweiz, stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit der nuklearen und konventionellen Abschreckung des Bündnispartners. Zwar sind die hier stationierten amerikanischen Verbände nicht unmittelbar von den Verlusten im Nahen Osten betroffen, doch die Fähigkeit Washingtons, zeitgleich an mehreren Fronten zu operieren, wird von Verteidigungsexperten in Berlin und Wien als geschwächt eingeschätzt. Die jüngste Debatte über eine europäische Sicherheitsarchitektur, die weniger von US-Kapazitäten abhängt, dürfte durch diese Entwicklung neuen Auftrieb erhalten.
Der von Präsident Trump öffentlich bestrittene Munitionsmangel offenbart ein grundsätzliches Problem: Die US-Streitkräfte sind auf einen langen, materialintensiven Konflikt mit einem ebenbürtigen Gegner wie China nicht vorbereitet. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Produktionssteigerung schneller greift als neue Krisen entstehen – oder ob die Munitionslücken das militärische Kalkül Washingtons in Zukunft einschränken. Die Zeiten unbegrenzter Feuerkraft, so scheint es, sind vorerst gezählt.
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