
Internet-Horrorfilm „Backrooms“ verdrängt Star Wars an Kinokassen
In den USA übertreffen kostengünstige Horrorproduktionen wie „Backrooms“ und „Obsession“ große Blockbuster. Ein Kulturwandel zeichnet sich ab – mit globalen Auswirkungen.
Die amerikanische Kinolandschaft erlebt eine tektonische Verschiebung: Die mit über 200 Millionen Dollar budgetierte „Star Wars“-Produktion „The Mandalorian and Grogu“ muss sich an den heimischen Kassen gleich zwei mikrofinanzierten Horrorfilmen geschlagen geben. Das von A24 verliehene Internet-Phänomen „The Backrooms“ unter der Regie des erst 20-jährigen Kane Parsons pulverisierte mit 10,4 Millionen Dollar aus den Voraufführungen den hauseigenen Rekord und steuert auf ein Eröffnungswochenende zu, das die 40- bis 50-Millionen-Marke übersteigen dürfte. Zeitgleich hat der Focus-Features-Film „Obsession“ – produziert für weniger als eine Million Dollar – den Mittwochsumsatz des galaktischen Blockbusters überflügelt und weltweit bereits über 70 Millionen Dollar eingespielt. Aus Washingtoner und New Yorker Sicht mehren sich die Anzeichen, dass der unstillbare Appetit auf Franchise-Fortsetzungen einer neuen Erschöpfung weicht.
Die Genealogie der „Backrooms“ liest sich selbst wie ein modernes Märchen. 2019 postete ein anonymer Nutzer auf dem Forum 4chan das Bild eines endlos wirkenden, gelb tapezierten Bürokorridors unter kaltem Neonlicht. Innerhalb weniger Wochen entspann die Community eine komplexe Mythologie um ein Paralleluniversum, in das man durch unerklärliche „No-Clipping“-Fehler der Realität hineingeraten kann. Der damals 17-jährige Kane Parsons griff den visuellen Keim auf und formte daraus eine YouTube-Serie, die binnen Tagen millionenfach abgerufen wurde. Die US-Produktionsschmiede A24 und der Horrorregisseur James Wan sicherten sich die Rechte und übergaben dem Teenager die Inszenierung seines ersten Kinofilms – ein Novum in Hollywood. Europäische Kritiker beschreiben das Resultat als beklemmenden Albtraum aus schier unendlichen, mit geschmolzenen Möbeln und bedrohlichen Schemen bevölkerten Hinterzimmern, in dem sich der Möbelhändler Clark und seine Psychologin Mary (gespielt von Renate Reinsve) verirren. Eine schwedische Rezension spricht von einem surrealen Labyrinth, dessen eigentliches Grauen in der monotonen Trostlosigkeit der Kulisse liegt.
Die Zahlen untermauern den kulturellen Stimmungswechsel. Während „The Mandalorian and Grogu“ am verlängerten Memorial-Day-Wochenende hinter den Erwartungen zurückblieb und selbst am Mittwoch der ersten Woche nur 4,1 Millionen Dollar einspielte, verbuchte „Obsession“ am gleichen Tag 5,6 Millionen Dollar – ein kaum erklärlicher Anstieg der Einnahmen in der zweiten Aufführungswoche. Forbes beobachtet ein nahezu präzedenzloses Phänomen: Mundpropaganda und virale Begeisterung für die selbst aus der Internetkultur geborenen Stoffe lassen die Marketingmaschinerie der Großstudios verblassen. Branchenvertreter in Los Angeles deuten dies als Signal, dass sich das Publikum zunehmend originären, aus der Digitalkultur gewachsenen Welten zuwendet und die Wiederholungsspirale ikonischer Reihen ermüdet.
Blickt man indes über den nordamerikanischen Markt hinaus, zeigt sich ein komplementäres Bild. Der iranische Regisseur Asghar Farhadi, vielfach prämiert in Cannes und Berlin, hat mit „حكايات متوازية“ (Parallele Erzählungen) ein cineastisches Labyrinth eigener Art geschaffen. Statt fluoreszierender Korridore inszeniert Farhadi ein fragiles Geflecht aus voyeuristischer Nähe und existenzieller Isolation, in dem sich die Protagonisten in den Spiegelungen der anderen verlieren. Beobachter in Teheran und Paris interpretieren den Film als Metapher für die Suche nach Wahrheit in einer undurchdringbaren Wirklichkeit – ein Motiv, das mit der apokalyptischen Raumangst der „Backrooms“ auf überraschende Weise korrespondiert, jedoch auf eine philosophisch-intellektuelle statt sensorisch-horrorische Erfahrung zielt.
Für das deutschsprachige Kino und seine Zuschauer zeichnet sich eine doppelte Lehre ab. Während Arthouse-Verleih wie „Alamode“ oder „Prokino“ von der parallel laufenden Renaissance psychologisch komplexer Stoffe profitieren könnten, stellt der fulminante Erfolg digital geborener Gruselwelten die etablierte Blockbuster-Ökonomie grundsätzlich in Frage. Die deutschsprachigen Märkte, traditionell empfänglich für den US-Mainstream, könnten bei anhaltender Franchise-Müdigkeit ein gesteigertes Interesse an hybriden Formen zwischen Internetkultur und Kinokunst zeigen. Ob die Welle der kostengünstigen Horrorerfolge ein tieferes Umdenken in den Chefetagen der Studios auslösen wird, bleibt abzuwarten – die Kinokassen liefern derzeit jedenfalls ein unmissverständliches Votum.
| Atlantische / angloamerikanische Presse | +0.80 | aligned |
|---|---|---|
| Kontinentaleuropäische Presse | +0.20 | neutral |
| Lateinamerikanische Presse | +0.60 | aligned |
Ein Horrorfilm mit Mikrobudget, inszeniert von einem 20-Jährigen für das Kultlabel A24, lässt den neuen Star Wars an den Tageskassen hinter sich. Entstanden aus einem Creepypasta-Bild und einer YouTube-Serie, ist er zu einem Mundpropaganda-Phänomen geworden, das aufgeblasene Franchises demütigt und beweist, dass rohe Internet-Begeisterung corporate Franchise-Müdigkeit ausstechen kann.
Der Film überträgt das 'Backrooms'-Creepypasta in eine psychologische Horrorkulisse einer endlosen, anonymen Bürolandschaft. Mit Renate Reinsve ist es ein solides, aber nicht bahnbrechendes Debüt des 20-jährigen Regisseurs, das von der nordischen Kritik mit einer Mischung aus Interesse und leichter Zurückhaltung aufgenommen wird.
Der 20-jährige Kane Parsons, der mit 17 in seinem Zimmer Renderings erstellte, lud einen Kurzfilm hoch, der auf YouTube viral ging. Jetzt kommt sein visueller Albtraum mit Unterstützung von A24 und James Wan als Kinofilm heraus – ein Märchen über jugendlichen Einfallsreichtum, der in Hollywood einbricht.
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