
Selenskyj droht Israel mit Sanktionen wegen Kaufs gestohlenen Getreides
Wolodymyr Selenskyj hat den Ton gegenüber Israel drastisch verschärft. Am Dienstag beschuldigte der ukrainische Präsident die Regierung in Jerusalem, den Handel mit Getreide zu dulden, das Russland systematisch aus den besetzten Gebieten der Ukraine gestohlen habe. Eine zweite Schiffsladung – der Frachter „Panormitis“ – sei gerade im Hafen von Haifa eingetroffen und werde entladen. Selenskyj sprach auf der Plattform X von einem „illegitimen Geschäft“, das in jedem Rechtsstaat strafbar wäre, und kündigte Sanktionen gegen alle Beteiligten an. Wenig später bestellte das ukrainische Außenministerium den israelischen Botschafter ein. Aus Kiewer Sicht geht es nicht mehr um eine diplomatische Fußnote, sondern um eine bewusste Verletzung der ukrainischen Souveränität, die das mühsam aufgebaute Vertrauensverhältnis beschädigt.
In Jerusalem weist man die Vorwürfe entschieden zurück. Außenminister Gideon Saar erklärte, man lehne eine solche „Twitter-Diplomatie“ ab. Kiew habe keine Beweise für eine illegale Herkunft der Ladung vorgelegt, und dem Schiff sei weder die Einfahrt in den Hafen noch das Entladen gestattet worden. Israelische Sicherheitsbehörden betonen, die maritime Kontrolle sei lückenlos; die angeblich gestohlene Weizenlieferung habe Haifa nicht erreicht. Der Streit dreht sich auch um einen früheren Frachter, die „Abinsk“, der nach ukrainischen Angaben bereits Mitte April ukrainisches Getreide in Haifa gelöscht haben soll. Aus israelischer Sicht beruhen die Anschuldigungen auf öffentlich zugänglichen Satellitenbildern und Open-Source-Daten – belastbare Nachweise lägen nicht vor.
Aus Moskau kommt bislang nur ein lakonisches „Kein Kommentar“ von Kremlsprecher Dmitri Peskow. Russland bestreitet regelmäßig, systematisch Getreide aus den okkupierten ukrainischen Regionen Saporischschja, Cherson und Donezk abzutransportieren. Gleichzeitig weisen Recherchen von NGOs und Satellitenbilder auf eine Schattenflotte hin, die über das Schwarze Meer und den Bosporus Weizen in den Nahen Osten und nach Nordafrika bringt. Aus Brüsseler Sicht ist das kein bloßes Gerücht: Die EU-Kommission hat sich eingeschaltet und verlangt von Israel Aufklärung. In den Gremien kursieren bereits Szenarien, wonach man bei einer Bestätigung der Vorwürfe gezielte Sanktionen gegen Reedereien und Mittelsmänner erwägen könnte. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz ist diese Entwicklung heikel: Sie unterstützen die Ukraine politisch und finanziell, wollen aber auch die schwierigen Beziehungen zu Israel nicht gefährden. In Berlin wird man daher bemüht sein, auf Deeskalation und eine Versachlichung der Beweislage zu drängen, ohne das grundsätzliche Vorgehen gegen russische Plündergüter zu verwässern.
Die Folgen reichen über den bilateralen Kanal hinaus. Sollte sich das Ausmaß des illegalen Getreidetransfers bestätigen, stünde nicht nur die Integrität des globalen Agrarmarktes in Frage, sondern auch die Effektivität der Sanktionsarchitektur gegen Russland. Die Ukraine kokettiert bereits mit einer ganzen Suite diplomatischer und internationaler Rechtsmittel – bis hin zur Anrufung von Seegerichtshöfen. Währenddessen könnte die EU den Druck auf Drittstaaten erhöhen, die als Umschlagplätze für konfisziertes Gut dienen. Ob das Bündnis mit Israel, das ohnehin eine heikle Gratwanderung zwischen westlicher Solidarität und regionalen Eigeninteressen vollzieht, diesen neuen Belastungstest übersteht, hängt wesentlich davon ab, ob beide Seiten bereit sind, den Disput aus der emotionalen Sphäre öffentlicher Schuldzuweisungen in den nüchternen Raum der Faktenprüfung zu überführen.
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