
Zwischen Titelverlust und Verletzungssorge: Real Madrids enttäuschendes Remis in Sevilla
Das 1:1 bei Betis Sevilla hat für Real Madrid nicht nur die letzten leisen Meisterschaftshoffnungen begraben, sondern auch eine ernste Sorge aufgeworfen: Knapp sechs Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaft in Nordamerika musste Kylian Mbappé verletzt vom Feld. Der französische Kapitän blieb in der 80. Minute nach einem Sprint ohne Fremdeinwirkung stehen, bedeutete seiner Bank mit schmerzverzerrtem Gesicht die Unfähigkeit weiterzuspielen und wurde durch den jungen Gonzalo García ersetzt. Die Stille, die in diesem Moment über das Estadio de La Cartuja fiel, wirkte wie ein Echo auf die bangen Fragen, die man sich zeitgleich in Paris stellte.
Zuvor hatten die Königlichen über eine halbe Stunde lang ansatzweise gezeigt, warum sie in dieser Saison um Titel mitreden wollten. Vinícius Júnior nutzte in der 17. Minute einen unglücklichen Abpraller von Betis-Keeper Álvaro Vallés zur Führung, und das Team Álvaro Arbeloas kontrollierte zunächst Tempo und Raum. Doch dieser Auftritt zerfiel so schnell, wie er aufgebaut war. Von einer Mannschaft, die den Druck auf den FC Barcelona aufrechterhalten musste, blieb nach der ersten halben Stunde nur noch ein blasses Gebilde übrig, das sich auf die Reflexe von Torwart Andrij Lunin verließ. Héctor Bellerín krönte den andalusischen Sturmlauf in der vierten Minute der Nachspielzeit mit einem Ausgleich, der die auf die Feria de Abril eingestimmte Anhängerschaft in Ekstase versetzte und die Madrider Defensive endgültig entzauberte.
Aus spanischer Perspektive ist die Meisterschaft damit praktisch entschieden. Sollte Barcelona am Samstag im Auswärtsspiel bei Getafe gewinnen, wächst der Vorsprung auf elf Punkte – ein Polster, das selbst bei einem Sieg im Clásico kaum noch aufzuholen wäre. Die madrilenische Presse diagnostizierte ein „Ende ohne Ziele“ und schonte die Mannschaft nicht. Nach der Rückkehr am Mannschaftsbus bekamen die Profis die Wut der eigenen Anhänger zu spüren: „¡Qué poca vergüenza!“ – was für eine Schande – hallte es ihnen entgegen. Die Enttäuschung über die blutarme Vorstellung wog in den Straßen Madrids schwerer als der Punktverlust selbst.
Die weitaus größere Alarmglocke läutete jedoch in Frankreich. Mbappés linke hintere Oberschenkelmuskulatur, nach ersten Erkenntnissen womöglich von einer Zerrung betroffen, wird nun eingehend untersucht. Trainer Arbeloa verweigerte auf der Pressekonferenz eine genaue Diagnose und verwies auf die kommenden Tage. Für die Équipe Tricolore, die am 16. Juni gegen Senegal in die Weltmeisterschaft startet, ist die Ungewissheit belastend. In Pariser Medien ist von einer „grossen Warnung“ die Rede; ein struktureller Muskelschaden könnte die Vorbereitung des Titelaspiranten empfindlich stören und den letzten Saisonhöhepunkt für Mbappé gefährden.
Auch im deutschsprachigen Raum wird die Entwicklung aufmerksam registriert. Eine ernsthafte Verletzung des französischen Schlüsselspielers würde das Kräftegefüge vor dem Turnier in den USA, Kanada und Mexiko verschieben – eine Perspektive, die man etwa in München, Wien oder Zürich nicht ohne Hintergedanken verfolgt. Zugleich wirft Reals fragiler Auftritt ein Schlaglicht auf die Abhängigkeit von einzelnen Stars. Für Klubs wie den FC Bayern oder Borussia Dortmund ist es ein Lehrstück darüber, wie rasch eine Titelsaison ohne die nötige Breite und defensive Stabilität entgleiten kann.
Die Madrider Saison, die nach dem Remis von Sevilla nur noch eine Verlängerung ohne echte Perspektive darstellt, wird nun von der bangen Frage nach Mbappés Gesundung überlagert. Während in den Straßen Sevillas die Feria feierte, blieb in Madrid die Sorge zurück, dass der wertvollste Spieler des Klubs ausgerechnet das letzte große Ziel des Fußballjahres verpassen könnte – und mit ihm womöglich auch die Mannschaft, die ohne ihn noch weniger versteht, was es heißt, bis zum Schluss zu kämpfen.
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