
Vannacci schockiert Berlusconi, AfD auf Rekordhoch: Europas Rechte im Umbruch
Während die AfD in Deutschland mit 29 Prozent einen historischen Vorsprung vor der Union erzielt, erschüttert in Italien der Aufstieg Roberto Vannaccis das Mitte-rechts-Lager – Marina Berlusconi erwägt einen radikalen wahlrechtlichen Schachzug.
Die jüngste YouGov-Erhebung aus Berlin liest sich wie ein politisches Beben: Die AfD klettert auf 29 Prozent, CDU und CSU stürzen auf 20 Prozent ab – neun Punkte Abstand, so viel wie nie zuvor. Der Druck auf Kanzler Friedrich Merz und CSU-Chef Markus Söder wächst ins Unermessliche, zumal die Rechtspopulisten seit Wochen kontinuierlich zulegen, während die Union immer neue Tiefststände markiert. Fast zeitgleich vollzieht sich in Rom ein paralleles Drama. Dort hat der frühere Fallschirmjägergeneral Roberto Vannacci mit seiner Bewegung Futuro Nazionale die Lega in der SWG-Sonntagsfrage auf 5,3 Prozent eingeholt – der Trend zeigt die Salvini-Partei im Sinkflug, Vannacci hingegen im stetigen Aufwind.
Aus römischer Sicht ist es vor allem Marina Berlusconi, die nun mit aller Macht gegensteuert. Die Präsidentin von Fininvest und Hüterin des Erbes von Forza Italia zeigte sich „entgeistert“ und „angewidert“ von Vannaccis Auftritt bei der Gründungsversammlung seiner Partei. Sie will um jeden Preis verhindern, dass die Mitte-rechts-Koalition bei künftigen Wahlen mit „Abschaum“ und „Kameraden“ gemeinsame Sache machen muss. Deshalb erwägt sie, Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zu einem reinen Verhältniswahlrecht ohne Koalitionszwang zu raten – ein Schachzug, der die Abhängigkeit von Vannacci lösen, aber das gesamte Bündnis sprengen könnte. Die Umfragen geben ihr Anlass zur Sorge: Laut Tecnè liegt das Mitte-rechts-Lager nur noch hauchdünn vor dem gegnerischen Campo largo, und Vannaccis Splittergruppe könnte zum Zünglein an der Waage werden.
Der Unmut über den Parvenü reicht tief in die eigene Anhängerschaft hinein. Aus Triest wird bekannt, dass der heutige Vannacci-Getreue Ugo Ricci noch im Oktober über den General lästerte, er sei eine künstlich geschaffene Figur und vertrete nicht die wahren Kämpfe der Rechten. Der Philosoph Massimo Cacciari wiederum kanzelte Vannacci bei La7 als jemanden ab, der „Unsinn redet und keinen Pfifferling zählt“, und warf den Medien vor, ihm durch Dauerpräsenz erst zur Bedeutung verholfen zu haben. Tatsächlich befeuert die mediale Dauerempörung den Aufstieg, wie eine Analyse aus Mailand konstatiert: Vannacci nützt allen außer der Linken, deren antifaschistische Reflexe selbst Stefano Bonaccini vom Partito Democratico inzwischen für untauglich erklärt, um Wahlen zu gewinnen.
Der Blick nach Jerusalem offenbart, dass die Erosion etablierter Blöcke kein rein europäisches Phänomen ist. Eine neue Umfrage von Direct Polls für i24NEWS sieht die Partei des ehemaligen Generalstabschefs Gadi Eisenkot bei 18 Mandaten, während das Bündnis von Naftali Bennett und Yair Lapid auf 12 Mandate abstürzt. Selbst im Lager der strengreligiösen Parteien zeigen sich Risse: Erstmals melden sich nennenswerte Zahlen charedischer Wähler, die aus Protest gegen die Wehrpflicht-Debatte nicht mehr zur Wahl gehen wollen. Überall geraten gewachsene politische Marken unter Druck, profitieren Neulinge von der Sehnsucht nach vermeintlich unverbrauchten Führungsfiguren.
Für die kommenden Monate zeichnet sich ein riskantes Patt ab. In Deutschland wird der Ruf nach vorgezogenen Neuwahlen lauter, sollte die Union ihre Kanzlerfähigkeit nicht rasch zurückgewinnen. In Italien könnte ein proportionales Wahlrecht die Rechte atomisieren und dem Mitte-links-Lager unverhofft die Tür zur Macht öffnen – oder Vannacci zwingen, sich als koalitionsfähig zu erweisen. Der General selbst gibt sich in Interviews betont staatsmännisch, spricht von „vereinen statt spalten“ und warnt vor einem Italien, das sich der „Niederlage ergibt“. Ob seine Bewegung mehr ist als ein Medienprodukt, wird sich an den Urnen entscheiden. Sicher ist nur: Die tektonischen Platten der europäischen Parteienlandschaft verschieben sich so rasant wie seit Jahrzehnten nicht.
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