
Ermittlungen gegen Schiedsrichter-Chef Rocchi erschüttern den italienischen Fußball – ein neues Calciopoli?
Die Mailänder Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen Gianluca Rocchi, den Designatore delle gare der Serie A und Serie B, eingeleitet. Der Vorwurf wiegt schwer: Beihilfe zur Sporttäuschung – jener Straftatbestand, der vor fast zwei Jahrzehnten die Grundfesten des italienischen Fußballs in der Calciopoli-Affäre erschütterte. Die Nachricht, die am späten Abend des 24. April durch die Agentur AGI öffentlich wurde, traf die Liga wie ein Schock. Rocchi, 52-jähriger Florentiner mit 263 Erstliga-Einsätzen als Schiedsrichter und seit 2021 oberster Ansetzer der Unparteiischen, soll angewiesen worden sein, sich am 30. April den Fragen des Staatsanwalts Maurizio Ascione zu stellen. Er selbst weist jede Schuld von sich und kündigte an, die Vorwürfe Punkt für Punkt zu entkräften.
Die Ermittlungen, die bereits im Sommer des vergangenen Jahres aufgenommen wurden, gehen auf eine förmliche Beschwerde des Schiedsrichter-Assistenten Domenico Rocca zurück. In einem offenen Brief an die nationale Schiedsrichterkommission hatte dieser von systematischem Mobbing, manipulierten Designationskriterien und einer Verletzung der Grundsätze von Loyalität und Fairness gesprochen. Aus römischer Perspektive, wo die FIGC ihren Sitz hat, markierte dieser Brief eine Zeitenwende: Der damalige Präsident des italienischen Schiedsrichterverbands, Antonio Zappi, leitete das Schreiben unverzüglich an die Sportjustiz weiter und verfügte per Reglementsänderung, dass jeder Besucher der VAR-Zentrale in Lissone – Rocchi eingeschlossen – fortan eine detaillierte Tätigkeitsdokumentation vorlegen muss.
Im Zentrum der strafrechtlichen Prüfung steht eine konkrete Szene aus der Partie Udinese gegen Parma vom 1. März 2025. Die Ermittler verfügen über ein Video, das zeigen soll, wie Rocchi während eines VAR-Checks wegen eines möglichen Handspiels von außen auf die Schiedsrichter in der Videozentrale einwirkte – ein Verstoß gegen das strikte Protokoll, wonach die Tür des VAR-Raums geschlossen bleiben muss und keinerlei Kommunikation mit den Entscheidungsträgern stattfinden darf. Udinese gewann die Begegnung durch einen von Thauvin verwandelten Elfmeter. Der Verdacht wiegt umso schwerer, als Rocchi in einem weiteren Anklagepunkt beschuldigt wird, bei einem Geheimtreffen im Mailänder San Siro während eines Pokalspiels die Ansetzung eines der Inter Mailaner Mannschaft genehmen Schiedsrichters für das Ligaspiel Bologna–Inter vereinbart zu haben.
Aus Washingtoner Sicht könnte man geneigt sein, den Fall als typisch italienische Fußballintrige abzutun. Doch die Brisanz reicht weit über den Apennin hinaus. Der europäische Fußballverband UEFA, der Rocchi 2019 noch mit der Leitung des Europa-League-Finales betraute, beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Sollte sich der Vorwurf der systematischen VAR-Manipulation erhärten, stünde nicht weniger als die Glaubwürdigkeit des technologischen Kontrollinstruments auf dem Spiel, das in allen großen europäischen Ligen – von der deutschen Bundesliga über die österreichische Admiral Bundesliga bis zur Schweizer Super League – als Garant sportlicher Gerechtigkeit gilt. Beobachter in Peking, wo der italienische Fußball über bedeutende Medienverträge vermarktet wird, registrieren aufmerksam, dass die Ermittlungen mehrere Spielzeiten und sämtliche Ebenen des Systems durchdringen: Schiedsrichter, Verband, Klubs und Sportgerichtsbarkeit.
Der Fall ist in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur. Rocchi galt als Reformer, der nach seiner aktiven Karriere eine neue Generation von Unparteiischen aufbauen und durch Initiativen wie Open VAR größtmögliche Transparenz herstellen wollte. Dass ausgerechnet er nun unter jener Norm strafrechtlich verfolgt wird, die einst zum sportlichen und wirtschaftlichen Absturz von Juventus Turin führte, verleiht dem Vorgang eine fast literarische Ironie. Für Vereine in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die regelmäßig mit italienischen Klubs um internationale Startplätze konkurrieren, stellt sich die Frage nach der Integrität des Wettbewerbs mit neuer Dringlichkeit. Die Mailänder Justiz wird sich nicht allein auf technische Regelverstöße beschränken können; sie muss klären, ob es sich um individuelle Fehlleistungen oder um strukturelle Deformationen eines ganzen Kontrollsystems handelt. Erst dann wird sich entscheiden, ob der italienische Fußball vor einer bloßen Episode oder einem epochalen Umbruch steht.
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