
Europäische Gipfeltreffen in Jerewan: Armeniens Westkurs und Kanadas Signal an Washington
Mehr als dreissig europäische Staats- und Regierungschefs sowie der kanadische Premierminister Mark Carney versammeln sich in Jerewan zu zwei aufeinanderfolgenden Gipfeltreffen – ein Ereignis, das die geopolitische Verschiebung im Südkaukasus untermauert. Die Zusammenkunft der Europäischen Politischen Gemeinschaft und die erste EU-Armenien-Gipfelkonferenz finden in einem Land statt, das lange als engster Verbündeter Moskaus in der Region galt. Armenien ist Mitglied der von Russland geführten Eurasischen Wirtschaftsunion und beherbergt eine russische Militärbasis. Dass die EU nun in Jerewan Flagge zeigt, ist aus Moskauer Sicht ein weiteres Zeichen des wachsenden westlichen Einflusses auf dem Gebiet der einstigen Sowjetrepublik.
Aus kanadischer Perspektive kommt der Teilnahme Carneys eine doppelte Bedeutung zu: Ottawa will nach dem Bruch mit den USA unter Präsident Donald Trump ein neues Netz von Handels- und Sicherheitsallianzen knüpfen. Kanada ist der erste nichteuropäische Staat, der an den halbjährlichen Treffen der Gemeinschaft teilnimmt, die nach der russischen Invasion in der Ukraine 2022 ins Leben gerufen wurden. Carney dankte dem armenischen Premierminister Nikol Paschinjan für die Einladung und nannte den Zeitpunkt „entscheidend für Europa und seine Werte“. Beobachter in Washington verfolgen die Entwicklungen mit Skepsis: Die Trump-Administration hat ihre Truppenpräsenz in Deutschland reduziert und verfolgt gegenüber Moskau einen ambivalenten Kurs, der die Sicherheitsarchitektur des Kontinents in Frage stellt.
Die europäischen Gastgeber betonen derweil die strategische Bedeutung des Gipfels für den Frieden mit Aserbaidschan und die Stabilität der Region. Hinter den Kulissen schwelt jedoch der Krieg im Iran, der die Weltwirtschaft mit steigenden Energiepreisen erschüttert und die Abhängigkeit Europas von alternativen Routen unterstreicht. Aus Teheraner Sicht ist die verstärkte Präsenz westlicher Führungspersönlichkeiten im Nachbarland ein Warnsignal. Russland hat bereits sein Missfallen über die Annäherung Armeniens an Brüssel erkennen lassen; die militärische Basis in Gjumri und die Wirtschaftsunion bleiben Hebel, um Druck auszuüben.
Der Vorstoss Jerewans nach Westen ist dennoch kein schneller Bruch, sondern ein schrittweises Abrücken, das von der EU mit Investitionen und politischer Unterstützung flankiert wird. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz, die ihre Handelsbeziehungen nach Osten diversifizieren möchten, bietet sich eine Gelegenheit, alternative Energie- und Transitkorridore zu erschliessen. Die Gipfel in Jerewan senden ein klares Signal: Die Europäische Politische Gemeinschaft wird zu einem ernstzunehmenden Forum der Sicherheitskooperation, das über die EU hinausreicht – und Moskaus Einfluss im postsowjetischen Raum weiter schrumpft.
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