
Eklat in Vancouver: Als Infantinos Friedensgeste an der Wirklichkeit zerschellte
Es sollte eine Geste der Einheit werden, ein Bild, das der Welt Hoffnung schenkt – und endete als diplomatische Bruchlandung. Beim FIFA-Kongress im kanadischen Vancouver versuchte Gianni Infantino, den palästinensischen Verbandschef Dschibril Radschub und den israelischen Vize-Präsidenten Basim Sheikh Suliman auf der Bühne zusammenzuführen. Infantino legte Radschub bittend die Hand auf den Arm, dirigierte ihn behutsam in Richtung seines Gegenübers. Doch Radschub blieb unbeweglich, rief mit erhobener Stimme „Wir leiden“ und verließ das Podium, ohne Suliman die Hand zu reichen – ein demonstrativer Affront, der den Saal in betretenes Schweigen hüllte.
Damit eskalierte eine Konfrontation, die sich schon in den Reden zuvor angekündigt hatte. Radschub hatte die Delegierten aufgefordert, Israels Fussballverbände für Klubs in den Westjordanland-Siedlungen zu sanktionieren, und dem Weltverband eine „doppelte Moral“ vorgeworfen. Suliman warb seinerseits dafür, den Fussball als Brücke zu nutzen, fernab politischer Verwerfungen. Infantino selbst hatte zu Beginn des Kongresses einen viel beachteten Friedensappell an alle Kriegsparteien gerichtet und gleichzeitig Irans Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2026 bestätigt – ein Hinweis darauf, dass der Weltverband den Sport auch in schwierigsten Konstellationen offenhalten will.
Aus palästinensischer Sicht war der Eklat kein impulsiver Ausbruch, sondern eine unvermeidliche Konsequenz. Die Vize-Präsidentin des palästinensischen Verbandes, Susan Schalabi, erklärte später, man könne nicht jemandem die Hand reichen, „der Faschismus und Völkermord weisswaschen soll“. In Ramallah und Gaza-Stadt wird die Weigerung als moralischer Imperativ verstanden: Mit wem man sich ablichten lässt, dem erweist man Respekt, und den verweigert man einer Regierung, der man völkerrechtswidrige Siedlungspolitik und Kriegsverbrechen vorwirft. Die jüngste Berufung vor den Internationalen Sportgerichtshof gegen die FIFA, die eine Suspendierung Israels ablehnte, unterstreicht die Entschlossenheit, den Konflikt auch auf dem juristischen Spielfeld auszutragen.
In Jerusalem und Tel Aviv liest man denselben Augenblick völlig anders. Dass Suliman, ein arabisch-israelischer Vize-Präsident, geduldig und ohne jede Feindseligkeit auf der Bühne verharrte, wertet man dort als Beweis für den integrativen Charakter des israelischen Fussballs. Die Weigerung Radschubs erscheint aus dieser Perspektive als gezielte Provokation, die den Sport einmal mehr zur Bühne politischer Agitation verkommen lässt. Israel weist die Völkermordvorwürfe zurück und sieht in der Episode eine Fortsetzung der Kampagne, das Land international zu delegitimieren.
Für die FIFA-Zentrale in Zürich ist der Vancouver-Eklat mehr als nur eine peinliche Szene. Er rührt an die essentielle Frage, wie unpolitisch der Weltsport überhaupt sein kann. Während die Schweiz mit ihrer traditionellen Vermittlerrolle liebäugelt, Infantino also gewissermassen helvetische Neutralität auf den Rasen zu übertragen suchte, hat das Scheitern seiner Choreographie den Blick darauf gelenkt, dass selbst eine gut gemeinte Inszenierung die tiefen Gräben nicht zuschütten kann. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden die Bilder aufmerksam registriert. Die Fussballverbände der DACH-Region, die sich nach dem Ausschluss Russlands mit ähnlichen Fragen politischer Sanktionen konfrontiert sahen, stehen nun vor der unbequemen Frage, ob das Festhalten am reinen Sport nicht selbst eine politische Entscheidung darstellt.
Der Schatten des Eklats reicht bis zur Weltmeisterschaft 2026, die in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko ausgetragen wird. Sollte der Sportgerichtshof die palästinensische Klage annehmen und ein Verfahren gegen israelische Siedlerklubs eröffnen, würde dies nicht nur die FIFA in bisher ungekannter Weise unter Druck setzen, sondern auch die Organisatoren in einen politischen Strudel ziehen. Schon die Bestätigung der iranischen WM-Teilnahme zeigte, dass Infantino bereit ist, das Turnier als Plattform selbst für jene zu öffnen, die weltweit unter scharfer Beobachtung stehen. Ob dieser Balanceakt gelingt, oder ob der Fussball endgültig zum Geiseldiplomaten globaler Konflikte wird, wird sich nicht in Vancouver, sondern erst in den kommenden Monaten am grünen Tisch des Sports entscheiden.
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