
Hamaguchis „Soudain“ erschüttert Cannes: Ein Film über Tod, Würde und die Kraft der Begegnung
Ryusuke Hamaguchis Wettbewerbsbeitrag „Soudain“ feiert in Cannes Premiere und gilt sofort als Favorit auf die Goldene Palme.
Der japanische Regisseur Ryusuke Hamaguchi, vor vier Jahren mit „Drive My Car“ Oscar-Gewinner, hat mit seinem neuen Film „Soudain“ (Plötzlich) den bislang stärksten Eindruck im Wettbewerb der 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes hinterlassen. Aus französischer Sicht spricht man vom „ersten großen Schock“ der Festivalwoche – ein Werk von so intensiver Menschlichkeit, dass man ihm die Goldene Palme auf der Stelle zuerkennen möchte. Hamaguchis erste internationale Produktion, in Frankreich gedreht und mit Virginie Efira in der Hauptrolle, erzählt von einer flüchtigen Freundschaft zwischen zwei Frauen: Marie-Lou, der Direktorin eines Pariser Pflegeheims, und Mari, einer japanischen Theaterregisseurin, die unheilbar an Krebs erkrankt ist. Die Begegnung, die der Film in ruhigen, fast meditativen Einstellungen einfängt, wird für beide zur existentiellen Wende.
Die erzählerische Grundlage des Films ist ein Briefwechsel, den die japanische Philosophin Maoko Miyano und die Anthropologin Maho Isono verfasst haben – zwei Frauen, von denen eine selbst mit einer Krebserkrankung kämpfte. In der Adaption wird daraus ein Dialog über Sterben und Lebensmut, den Kritiker in Russland als „einen der optimistischsten Filme über den Tod“ bezeichnen. Bemerkenswert ist die therapeutische Philosophie, die Hamaguchi in das Pflegeheim einwebt: Die Einrichtung folgt dem Ansatz der „Humanitude“, einer Pflegepraxis, die auf Respekt und Würde gründet. Aus italienischer Perspektive ist dies eine direkte Referenz an Franco Basaglia, den Psychiater, der in den 1970er Jahren die Schließung der italienischen Anstalten durchsetzte. „Aus der Nähe ist niemand normal“, scheint der Film zu sagen, und stellt damit die Möglichkeit einer radikalen menschlichen Zuwendung in den Raum – ein Gedanke, der in Japan, wo die geschlossene Unterbringung noch weit verbreitet ist, wie eine Utopie wirkt.
Die amerikanische Fachpresse betont, dass man sich auf Hamaguchis Rhythmus einlassen müsse: Diese Bilder wolle man nicht überfliegen, sondern in ihnen wohnen. „All of a Sudden“, wie der englische Titel lautet, ist ein Film, der die Zuschauer in eine andere Zeitdimension versetzt – die der letzten gemeinsamen Augenblicke. Für den deutschsprachigen Raum, wo die Debatte um eine würdevolle Pflege und Sterbebegleitung angesichts des demographischen Wandels an Dringlichkeit gewonnen hat, bietet der Film einen ungewohnt hoffnungsvollen Zugang. Hamaguchi verweigert jede Sentimentalität und setzt stattdessen auf die Klarheit des Blicks. Am Ende siegt nicht der Tod, sondern das, was zwischen den Menschen geschieht, bevor er kommt.
Mit diesem Werk katapultiert sich Hamaguchi erneut an die Spitze des Weltkinos. Die Frage, ob die Jury in Cannes den Mut zu einer solchen stillen Revolte aufbringt, ist noch offen. Doch eines ist jetzt schon gewiss: „Soudain“ wird das Gespräch über das Altern, die Pflege und die Kunst des Abschieds weit über die Festivalbühne hinaus prägen.
| Kontinentaleuropäische Presse | +0.80 | aligned |
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| Atlantische / angloamerikanische Presse | +0.70 | aligned |
Die kontinentaleuropäische Presse stellt 'Soudain' als einen humanistischen Triumph dar, der Hamaguchis Film mit der Philosophie von Franco Basaglia über Würde und Deinstitutionalisierung verbindet. Die Geschichte einer Pflegeheimleiterin und einer Theaterregisseurin wird zu einer Parabel über Hoffnung und die Kraft menschlicher Begegnung, die als sofortiger Anwärter auf die Goldene Palme gefeiert wird.
Die atlantische Presse präsentiert 'All of a Sudden' als eine wundersame, langsame Meditation über Fürsorge und Verbindung, wobei Hamaguchis charakteristischer Stil und emotionale Tiefe betont werden. Es wird als Meisterwerk gelobt, das tief nachklingt, wobei der Fokus jedoch auf der Kunst des Films und nicht auf seinen gesellschaftspolitischen Parallelen liegt.
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