
In Spinnenkostümen gegen den Kolobok: Petersburger Fans protestieren mit einer Petition
Die Verschiebung des Blockbusters „Spider-Man: Brand New Day“ zugunsten eines staatlich geförderten Märchenfilms hat in Russland einen Kulturkampf entfacht – mit boykottierten Bewertungen, zensierten Popsongs und einem Kinosaal voller kostümierter Marvel-Anhänger.
In einem Petersburger Kino versammelten sich Dutzende junge Menschen in roten und blauen Spinnenanzügen. Sie waren nicht gekommen, um den neuesten Teil der Reihe zu sehen, sondern um frühere Abenteuer des Helden anzuschauen – und um eine Petition zu unterzeichnen. Die kostümierten Fans der Marvel-Franchise protestierten, wie das Onlinemagazin „Bumaga“ berichtete, gegen den russischen Märchenfilm „Posledni bogatyr. Kolobok“, der ihrem Superhelden den Kinostart streitig machte.
Der Konflikt entzündete sich an einem offenen Brief der Verleihfirma „Atmosfera kino“ und der russischen Kinobetreibervereinigung. Sie forderten die Kinos auf, den Start von „Spider-Man: Brand New Day“ vom 6. auf den 20. August zu verschieben, um dem einheimischen „Kolobok“ eine konkurrenzfreie Premiere zu ermöglichen. Der Blockbuster, der weltweit bereits Rekorde brach – Forbes vermeldete 40 Millionen Dollar an einem einzigen Dienstag und den höchsten IMDb-Zuschauerwert aller Realverfilmungen des Netzschwingers –, sollte in Russland ohnehin nur in einer rechtlichen Grauzone als sogenanntes „Vorstellungsbegleitprogramm“ laufen. „Kolobok“ hingegen war mit 250 Millionen Rubel aus dem staatlichen Filmfonds gefördert worden, spielte im Vorverkauf aber lediglich 3,6 Millionen Rubel ein.
Die Auseinandersetzung verlagerte sich rasch auf die Tonspur. Auf der Plattform RuTube tauchte eine Raubkopie des neuen Spider-Man-Films mit offizieller russischer Synchronisation auf, in der eine Schlüsselszene verändert worden war. Wo im Original das Lied „Monopolia“ der Sängerin Monetotschka zu hören ist, erklang in der russischen Fassung plötzlich Rihannas „S&M“. Auch aus der ukrainischen Version wurde der Song entfernt. Die Kulturberaterin des Präsidenten, Jelena Jampolskaja, kommentierte den Streit grundsätzlich: Sie sei stets gegen nichtlizenzierte Vorführungen ausländischer Filme gewesen, man wisse nie, was tatsächlich gezeigt werde.
Die Wut der Fans entlud sich digital. Über Nacht erhielt „Kolobok“ auf dem Bewertungsportal „Kinopoisk“ Tausende negative Stimmen, mehr als neunzig Prozent der abgegebenen Wertungen waren ablehnend. Das System erkannte die Aktivität als anomale Kampagne und blendete den Zuschauerscore vorerst ganz aus. Der Komiker Garik Charlamow, der dem titelgebenden Brotklumpen seine Stimme lieh, konterte die Boykottaufrufe mit einem derben Bekenntnis: „Mir ist Spider-Man scheißegal, ich liebe Batman!“ Während der digitale Daumen über dem Märchenfilm noch immer in der Schwebe hing, blieb von der weltweit gefeierten Comicverfilmung in Russland vorerst nur ein stummes Bild: eine Szene, in der ein Popsong fehlt, und ein Kinosaal voller Spinnenkostüme, die auf einen Helden warten, der nicht kommt.
| Russische & GUS-Presse | −0.20 | neutral |
|---|---|---|
| Atlantische / angloamerikanische Presse | +0.80 | aligned |
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.60 | critical |
| Israelische Presse | 0.00 | neutral |
Präsidentenberaterin Yampolskaya verteidigt die Priorität des nationalen Kinos und verurteilt Piratenvorführungen.
Stellt die Entscheidung als normale kulturelle Priorität dar, indem sie die Autorität einer institutionellen Figur nutzt, um die Wahl zu legitimieren.
Erwähnt nicht die Entfernung von Monotochkas Lied aus der Piratenversion, ein Akt politischer Zensur.
Kinokassendaten und Nutzerbewertungen feiern Spider-Mans Erfolg als globalen Triumph.
Verwendet objektive Zahlen und Rekorde, um eine Erzählung unbestrittener Erfolge zu schaffen, wobei lokale Kontroversen ignoriert werden.
Ignoriert völlig die russische Kontroverse, die Verzögerung, den Boykott und die Entfernung des Liedes.
Europäische Berichte verurteilen die Zensur in der russischen Version und die Manipulation der Kolobok-Bewertungen.
Hebt spezifische Details von Zensur und Manipulation hervor, um ein Bild des Illiberalismus zu zeichnen, wobei konkrete Fakten zur Untermauerung der Kritik verwendet werden.
Berichtet nicht über die offizielle Position der russischen Regierung, die die Verzögerung verteidigt.
Israelische Kritiker bewerten den Film nach seinen filmischen Vorzügen, ohne politische Einmischung.
Beschränkt sich auf eine ästhetische und technische Bewertung, vermeidet jeden politischen Kontext, um Neutralität zu wahren.
Bezieht sich überhaupt nicht auf die russische Vertriebskontroverse.
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