
Indien löst England als wichtigstes Herkunftsland der Migranten in Australien ab – demografische Verschiebungen weltweit
Für die erste Mal in der Geschichte Australiens stellen in Indien geborene Menschen die größte Migrantengruppe dar. Nach neuen Daten des australischen Statistikamts leben nun 971.020 in Indien geborene Menschen auf dem Kontinent, knapp vor 970.950 aus England stammenden Einwohnern. Aus australischer Sicht markiert dieser Wechsel nicht nur einen symbolischen Einschnitt in der kolonial geprägten Einwanderungsgeschichte, sondern auch den Höhepunkt einer langjährigen Verschiebung: Während die Zahl der Engländer seit 2013 kontinuierlich schrumpfte, stieg die indische Gemeinde durch gezielte Arbeitsmigration und Studienaufenthalte rasant an. Aus Canberraer Perspektive wird die wachsende Bedeutung asiatischer Herkunftsländer zu einem zentralen innenpolitischen Thema, da die Zuwanderungsrate der im Ausland Geborenen mit drei Prozent pro Jahr deutlich schneller wächst als die der einheimischen Bevölkerung.
Diese Entwicklung steht in einem globalen demografischen Kontext, der sich in anderen Industrienationen spiegelbildlich verhält. Aus Londoner Sicht zeichnet sich eine gegenläufige Tendenz ab: Nach Prognosen des britischen Nationalen Statistikamts wird ab dem Jahr 2026 die jährliche Sterbeziffer die Geburtenzahl übersteigen. Grund ist der rapide Rückgang der Nettozuwanderung, der das Bevölkerungswachstum des Vereinigten Königreichs drastisch verlangsamt. Bis 2034 soll die Einwohnerzahl auf 71 Millionen steigen – weit weniger als frühere Schätzungen. Gleichzeitig sinkt die Geburtenrate, sodass das Land ohne verstärkte Migration mittelfristig schrumpfen müsste. In Australien hingegen treiben junge indische Fachkräfte die Wirtschaft, während die Babyboomer des eigenen Landes in den Ruhestand gehen.
Vor diesem Hintergrund gewinnen Migrationsdebatten in Europa eine neue Dringlichkeit. Aus Berliner Sicht ist die jüngste Entwicklung der deutschen Asylpolitik besonders aufschlussreich. Die schwarz-rote Bundesregierung hatte eine „Rückführungsoffensive“ versprochen, doch die Zahl der tatsächlichen Abschiebungen ist erstmals seit fünf Jahren gesunken. Kritiker verweisen auf die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Umsetzung: Während Olaf Scholz noch im Herbst 2023 ein Abschieben „im großen Stil“ forderte und die Zahlen daraufhin um 22 Prozent stiegen, stockt nun der Vollzug. Insbesondere für die Union, die das Thema im Wahlkampf zur Priorität erklärt hatte, ist dies ein politisches Problem.
Die parallelen Entwicklungen in Australien, Großbritannien und Deutschland zeigen, dass Migration längst zu einem globalen System geworden ist, dessen Dynamiken sich kaum national steuern lassen. Wo Australien von indischer Zuwanderung profitiert, kämpft Großbritannien mit einer Alterung, die ohne Einwanderung nicht zu bewältigen ist. Und Deutschland steht vor der Aufgabe, humanitäre Verpflichtungen mit integrationspolitischen und ökonomischen Notwendigkeiten zu vereinbaren. Für die deutschsprachigen Länder, die ebenfalls auf Fachkräfte aus Südasien angewiesen sind, zeichnet sich ab: Der Wettbewerb um Talente wird härter, und Abschiebepolitik allein wird den demografischen Wandel nicht aufhalten. Die Frage ist nicht mehr, ob Migration stattfindet, sondern unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen für die Aufnahmegesellschaften.
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