
Indischer Film gewinnt Moskauer Filmfestival – Russland sucht kulturelle Anker in Asien
Der 48. Moskauer Internationale Filmfestival (MMKF) hat mit der Vergabe seines Hauptpreises an den indischen Beitrag „Strast“ („Leidenschaft“) ein deutliches Zeichen gesetzt. Der Film des Regisseurs Fazil Razak, der zugleich die Auszeichnung für die beste Darstellerin erhielt – die Hauptdarstellerin Amrutha Krishnakumar wurde geehrt –, verweist auf die strategische Neuausrichtung des Festivals inmitten geopolitischer Spannungen. In Moskau betont man, dass das Programm bewusst auf Vielfalt setze, doch lässt die Wahl der Jury auch einen politischen Unterton erkennen: Indien gilt für Russland als ein wichtiger Partner in einer Zeit, in der kultureller und wirtschaftlicher Austausch mit dem Westen zunehmend schwieriger wird.
Aus New Delhier Perspektive ist der Erfolg ein weiterer Beleg für das wachsende internationale Renommee der indischen Filmindustrie, die längst nicht mehr allein durch Bollywood repräsentiert wird. Razaks preisgekrönter Beitrag, der sich mit existenziellen menschlichen Leidenschaften auseinandersetzt, traf offenbar den Nerv einer Jury, die nach substanziellen Erzählungen suchte. Beobachter in Peking hingegen dürften mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben, dass der Dokumentarfilmwettbewerb an den chinesischen Regisseur Xu Song Zheng für seinen Film „Der lange Weg nach Hause“ ging – eine weitere Facette der kulturellen Anbindung Russlands an asiatische Märkte.
Derweil wurden auch einheimische Talente gewürdigt: Der russische Regisseur Anton Bilscho erhielt den Silbernen Georgios für die beste Regiearbeit für seinen Film „Wygotski“, ein biografisches Porträt des sowjetischen Psychologen Lew Wygotski. Die männliche Hauptrolle des Films brachte dem russischen Schauspieler Sergej Giljow den Preis als bester Darsteller ein. Ein Spezialpreis der Jury ging an den spanischen Filmemacher Daniel Gusman für „Vergeltung“ – eine Geste, die zeigt, dass Moskau den europäischen Film nicht völlig ausblenden möchte. Im nationalen Wettbewerb „Russische Premieren“ setzte sich „Die Temperatur des Universums“ von Viktor Schamirow durch.
Für ein deutschsprachiges Publikum in Berlin, Wien und Zürich wirft diese Preisvergabe Fragen auf. Während europäische Festivals wie die Berlinale oder die Viennale weiterhin auf transatlantische und westliche Koproduktionen setzen, unternimmt das Moskauer Festival einen dezidierten Schritt nach Osten. Die Preisverleihung mag als kulturpolitische Signalhandlung gelesen werden: Russland sucht den Anschluss an asiatische Filmnationen, nicht zuletzt um dem kulturellen Bedeutungsverlust in Europa entgegenzuwirken. Die künftige Entwicklung des MMKF wird zeigen, ob diese Strategie auf Dauer tragfähig ist oder ob das Festival damit riskiert, in einem provinziellen Nischendasein zu enden.
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