
Iran-Krieg verschärft die Hungerkrise am Horn von Afrika – Somalia, Sudan und Südsudan vor dem Abgrund
Der Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran trifft die Schwächsten an einem anderen Ende der Welt mit tödlicher Wucht. Weil die Kämpfe im Nahen Osten Schifffahrtsrouten unterbrechen, bleiben in somalischen Kliniken die Lieferungen therapeutischer Spezialnahrung aus. Die Folge ist keine abstrakte Versorgungslücke, sondern eine medizinische Triage: Bereits jetzt, so dokumentieren es Helfer vor Ort, müssen schwer mangelernährte Kinder abgewiesen und Vorräte rationiert werden.
Fast eine halbe Million Mädchen und Jungen unter fünf Jahren leidet in Somalia an schwerer akuter Mangelernährung – der lebensbedrohlichsten Form des Hungers. Die durch den Iran-Krieg ausgelösten Lieferkettenstörungen wirken wie ein Brandbeschleuniger in einer Region, die ohnehin am Rande einer humanitären Katastrophe balanciert. Nach einer Analyse von Save the Children hat sich die Zahl der von krisenhafter Ernährungsunsicherheit betroffenen Menschen binnen eines Jahres nahezu verdoppelt: Statt 3,4 Millionen drohen in diesem Jahr 6,5 Millionen Somaliern extreme Hungersnot – ein Niveau, das an die verheerende Hungersnot von 2011 mit mehr als einer Viertelmillion Toten erinnert.
Verantwortlich dafür sind neben der ausbleibenden Regenzeit vor allem die dramatisch geschrumpften internationalen Hilfsgelder, deren Einbruch die Hilfsorganisationen als beispiellos beschreiben. Aus Washingtoner Sicht mögen die Militärschläge gegen Teheran geostrategische Priorität genießen; am Horn von Afrika entscheidet dieselbe Eskalation über Leben und Tod. Auch in Berlin, Wien und Bern, wo die Entwicklungsbudgets unter fiskalischem Druck stehen, wird der Rückzug aus der humanitären Verantwortung mit Besorgnis registriert – freilich ohne dass bislang eine Trendwende erkennbar wäre.
Während die Aufmerksamkeit der Geberländer schwindet, setzt sich die Sicherheitslage zur See zusätzlich unter Druck: Vor der somalischen Küste ist eine neue Piratengruppe aufgetaucht, die kürzlich einen Öltanker und einen Zementfrachter in ihre Gewalt brachte. Die im Vergleich zu früheren Hotspots weiter südlich operierenden Kriminellen aus Garacad in Puntland gefährden eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt und treiben die Kosten für Transporte – auch jene der Hilfsgüter – weiter in die Höhe. Die Not ist indes keine somalische Ausnahme.
Im Südsudan sind nach offiziellen Angaben annähernd 7,9 Millionen Menschen – fast zwei Drittel der Bevölkerung – von akuter Ernährungsunsicherheit bedroht. In Jonglei, einem Bundesstaat im Zentrum des Landes, liefern sich regierungstreue Truppen und Milizen des Oppositionsführers Riek Machar seit dem Scheitern des Machtteilungsabkommens vor einem Jahr schwere Gefechte. Hunderttausende wurden vertrieben, und Berichten zufolge verhindert die Regierung in Juba die Lieferung lebensrettender Hilfe an einzelne Gemeinschaften, etwa im Dorf Nyatim, wo Geflüchtete ohne sauberes Wasser und Nahrung ausharren.
Während sich die Konfliktparteien gegenseitig beschuldigen, wächst der Hunger als stummer Vollstrecker. Weiter nördlich, in der sudanesischen Region Darfur, wiederholt sich der Schrecken der Vergangenheit. Zwanzig Jahre nach den Massakern von damals erlebt eine neue Generation eine Spirale der Gewalt, die durch moderne Waffentechnik noch tödlicher geworden ist.
Seit April 2024 wurden in der lange belagerten und schließlich von den Rapid Support Forces eingenommenen Stadt El Fasher mehr als 1.500 schwere Rechtsverletzungen an Kindern dokumentiert, über 1.300 Kinder wurden getötet oder verstümmelt. Unicef warnt, das Ausmaß der Not sei heute ungleich größer – und die internationale Aufmerksamkeit gefährlich gering. Beobachter in Peking verweisen darauf, dass China seine Investitionen in der Region durch Stabilität abzusichern trachtet, doch auch die chinesische Beteiligung an UN-Missionen hat die Gewaltspirale bislang nicht durchbrochen.
Die Gleichzeitigkeit von Krieg, Dürre und zerbröckelnder humanitärer Architektur zeichnet das Bild einer ganzen Region vor dem Kollaps. Ohne ein entschlossenes Umsteuern der Geber und eine diplomatische Initiative, die den Sicherheitsfokus vom Iran auf die multiplen Krisen des Horns von Afrika weitet, droht eine langandauernde, mehrstaatliche Hungerkatastrophe. Für Europa steht dabei nicht nur die humanitäre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel – die Folgen in Form von irregulärer Migration und radikalisierter Gewalt würden früher oder später auch den Kontinent erreichen.
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