
Mali am Abgrund: Koordinierte Angriffe auf die Militärjunta erschüttern die Sahelzone
Nach dem Tod des Verteidigungsministers und massiven Vorstößen von Islamisten und Tuareg-Rebellen steht Mali vor einem neuen Kapitel des Bürgerkriegs.
Der 25. April 2026 markiert eine Zäsur für Mali. In einer beispiellosen konzertierten Aktion griffen die Tuareg-Rebellen der Front de libération de l’Azawad (FLA) gemeinsam mit der mit Al-Qaida verbundenen Gruppierung JNIM mehrere strategische Ziele der Militärjunta an. Der Verteidigungsminister Sadio Camara wurde durch eine Autobombe in seiner Residenz getötet; die Hauptstadt Bamako geriet selbst unter Beschuss. Seither haben die Aufständischen weite Teile des Nordens unter ihre Kontrolle gebracht. Die Regierung in Bamako, hervorgegangen aus dem Putsch von 2020, verliert zusehends die Herrschaft über das eigene Territorium.
Diese Eskalation ist kein isoliertes Ereignis. Nur wenige Tage zuvor waren in Zentralmalai bei zwei zeitgleichen Angriffen der JNIM mehr als dreißig Zivilisten getötet worden. Und jenseits der Grenze, im Osten der Demokratischen Republik Kongo, töteten Kämpfer der mit dem Islamischen Staat verbündeten Allied Democratic Forces bei Überfällen auf Dörfer nahe Uganda mindestens vierzig Menschen. Die Gewaltwellen greifen ineinander und deuten auf eine regionale Vernetzung der dschihadistischen und separatistischen Kräfte hin.
Aus Pariser Sicht verdichtet sich der Eindruck, dass Mali zum Stellvertreterkrieg zwischen Russland und der Ukraine geworden ist. Der französische Sicherheitsexperte Emmanuel Dupuy warnt, die Sahelzone verwandle sich in ein „Briefkasten“ für die Botschaften der beiden Kriegsparteien. Die russische Wagner-Gruppe, die die Junta stützt, und ukrainische Geheimdienste, die angeblich die Rebellen beraten, tragen zur Internationalisierung des Konflikts bei – während Frankreich sich nach dem Abzug seiner Truppen weitgehend zurückgezogen hat.
Die Führung in Bamako zeigt sich indes unbeugsam. Außenminister Abdallah Diop lehnte jede Verhandlung mit den „terroristischen bewaffneten Gruppen“ ab und bezeichnete die Angreifer als moralisch verwerflich. Staatschef Assimi Goïta übernahm selbst das Verteidigungsministerium. Doch diese Härte kaschiert die militärische Schwäche: Die Armee kontrolliert kaum mehr als die Hauptstadt und einige Garnisonen. Die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (ECOWAS) beobachtet die Entwicklung mit Sorge, vermag aber mangels Einfluss wenig zu tun.
Beobachter in Peking und Washington verfolgen das Geschehen mit wachsendem Unbehagen. China fürchtet um seine Bergbauinvestitionen, die USA um die Stabilität einer Region, die bereits jetzt als Rückzugsraum für transnationale Dschihadistengruppen dient. Sollte Bamako fallen, droht ein Flächenbrand, der die Nachbarländer Niger, Burkina Faso und Mauretanien erfassen könnte. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz bedeutet dies eine neue Migrationswelle und ein weiteres Erstarken islamistischer Netzwerke, die auch nach Europa ausstrahlen. Der Sahel wird zum Pulverfass – und die Diplomatie hat bisher keine Antwort gefunden.
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