
Marokkos Vorstoß zur finanziellen Inklusion: 450 Landgemeinden bleiben außen vor
Der marokkanische Landwirtschaftsminister Ahmed El Bouari hat die finanzielle Inklusion im ländlichen Raum als entscheidenden Hebel für wirtschaftliche und soziale Integration bezeichnet – und zugleich das Ausmaß der verbleibenden Lücken benannt. Auf der 18. Auflage des Internationalen Agrarsalons SIAM in Meknès wurde deutlich, dass der politische Wille zwar vorhanden ist, die Umsetzung jedoch vor enormen strukturellen Hürden steht. Aus Sicht der Zentralbank Bank Al-Maghrib ist die Lage ernüchternd: Generaldirektor Abderrahim Bouazza wies darauf hin, dass trotz einer rechnerischen Abdeckung von sechzig Prozent immer noch 450 Landgemeinden keinerlei Finanzdienstleistungen erhalten. Diese Zahl verdeutlicht, wie ungleich der Zugang zu Banken, Mikrokrediten oder digitalen Zahlungsmitteln im Königreich verteilt ist.
Um den Bargeldgebrauch zu reduzieren, startete das Ministerium gemeinsam mit der Notenbank ein Pilotprojekt zur digitalen Bezahlung. Fünfzig Kooperativen wurden mit elektronischen Terminals ausgestattet, die auf dem SIAM-Gelände erstmals eingesetzt wurden. Beobachter in Rabat sehen darin einen ersten Schritt, um die informelle Wirtschaft zu formalisieren und die Transparenz in den ländlichen Lieferketten zu erhöhen. Parallel dazu haben das Ministerium und die landwirtschaftliche Kreditbank GCAM ein Programm zur Finanzbildung aufgelegt, das in der Region Oriental zehntausend Teilnehmer erreichen soll. Die Schulungen richten sich gezielt an Frauen und Jugendliche – Gruppen, die in den Statistiken der Bank Al-Maghrib besonders häufig ohne Konto oder Kredit auskommen.
Die Bündelung der Kräfte zeigt sich auch in weiteren Abkommen, die in Meknès unterzeichnet wurden. Attijariwafa bank, der nationale Getreidefonds ONICL und der Mühlenverband FNM wollen die Kreditvergabe an industrielle Mühlen verbessern, um die Versorgung mit subventioniertem Mehl zu sichern. Eine separate Vereinbarung zwischen dem landwirtschaftlichen Beratungsamt ONCA, der Genossenschaftsbehörde ODCO und dem Bauernverband COMADER zielt auf die Professionalisierung der Agrar kooperativen ab – ein Sektor, der in Marokko für tausende Familien die einzige Einkommensquelle darstellt. Aus internationaler Perspektive bot der SIAM zudem Gelegenheit für bilaterale Gespräche: Der sudanesische Landwirtschaftsminister Issmat Ghorashi signalisierte Interesse an einer vertieften Zusammenarbeit, insbesondere bei Bewässerungstechniken und Wasserressourcenmanagement.
Die Initiativen sind Teil der Nationalen Strategie zur finanziellen Inklusion, deren zweiter Fahrplan den tatsächlichen Gebrauch von Finanzdienstleistungen in den Vordergrund stellt. Aus europäischer Sicht – und insbesondere für Länder wie Deutschland, Österreich und die Schweiz, die eng mit Marokko in Handelsfragen verbunden sind – bietet das nordafrikanische Königreich ein Experimentierfeld für hybride Modelle zwischen Bargeldökonomie und digitalen Lösungen. Ob die Integration der abgehängten Gemeinden gelingt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die Resilienz der marokkanischen Landwirtschaft hängt nicht zuletzt davon ab, ob die Finanzinfrastruktur auch in den entlegensten Dörfern ankommt.
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