
Merz’ erstes Kanzlerjahr: Zwischen Klagen, Koalitionsängsten und außenpolitischen Stolpersteinen
Ein Jahr nach Amtsantritt steckt Friedrich Merz in einer Vertrauenskrise. Umfragen sind desaströs, die Koalition zerrüttet – und der Kanzler wirkt zunehmend ratlos.
Ein Jahr ist es her, dass Friedrich Merz zum Bundeskanzler gewählt wurde. Doch von Aufbruchstimmung ist wenig zu spüren. Die Umfragewerte für Union und SPD sind gleichermaßen katastrophal – Merz selbst schneidet in der persönlichen Gunst schlechter ab als sein Vorgänger. Aus Berliner Sicht hat der Kanzler vor allem ein Problem: Er wirkt getrieben. Mal klagt er öffentlich über die Härte seines Amtes, mal droht er dem Koalitionspartner mit dem Ende der Regierung – und dann betont er wieder, dass eine Minderheitsregierung für ihn keine Option sei. Dieses Hin und Her nährt Zweifel an seiner Führungsstärke, wie selbst die italienische Presse bemerkt: Der „graue Merz“ steuere auf den Abgrund zu, die AfD profitiere von der Schwäche der Mitte.
Die außenpolitischen Verwerfungen kommen hinzu. Nachdem Merz im Streit mit Donald Trump über die Iran-Frage ungewöhnlich scharf aufgetreten war, mahnen Beobachter in Washington, ein Kanzler solle sich nicht als Leitartikler gerieren. Der Etikettierung zum „Außenkanzler“ hafte ohnehin nichts Schmeichelhaftes an, heißt es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – die großen Vorgänger seien für substanzielle Entscheidungen in Erinnerung geblieben, nicht für verbale Attacken. Dass Israel nun auf deutsche Anfrage hin Kerosin liefert, weil die Passage durch die Straße von Hormus gefährdet ist, zeigt zugleich die prekäre Energieversorgungslage, die den Handlungsspielraum der Regierung weiter einengt.
Im Innern prägen taktische Manöver die Koalitionsarbeit. Das Heizungsgesetz soll gelockert werden, was bei den Grünen auf Widerstand stößt – sie fürchten um das Klimaziel 2045. Der Tankrabatt, so Merz selbst, funktioniere nur „so leidlich“, weil viele Tankstellen die Entlastung nicht weitergäben. Statt lösungsorientierter Politik dominiere das gegenseitige Misstrauen zwischen CDU und SPD. Die italienische Zeitung Domani zitiert den Kanzler mit einem düsteren Motto von der „letzten Patrone der Demokratie“. Genau diese Angst vor dem eigenen Absturz könnte die Koalition noch zusammenhalten – oder sie endgültig sprengen.
Die eigentliche Frage ist, ob die Deutschen den etablierten Parteien überhaupt noch zutrauen, ihr Leben zu verbessern. Merz, der sich gern als moderner Konservativer gibt, wirkt in dieser Gemengelage zunehmend wie ein Getriebener. Wer den Kanzler in der ZDF-Sendung „Was nun, Herr Merz?“ erlebte, sah einen Politiker, der nur dann Emotionen zeigte, wenn er über Kritik an Parteifreunden sprach. In der Sache blieb er merkwürdig blass. Aus der Schweizerseite der NZZ kommt die Analyse, Merz zelebriere eine neue Wehleidigkeit – kein Kanzler habe so etwas ertragen müssen wie er, klagte er selbst. Max Webers Diktum vom „starken langsamen Bohren harter Bretter“ scheint dem zehnten Bundeskanzler fremd geworden zu sein. Dabei ginge es jetzt genau darum: um Ausdauer, Augenmaß und die Fähigkeit, die eigenen Eitelkeiten zu zügeln.
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