
Argentinien: Rekordverschuldung der Haushalte – Milei lehnt staatliche Hilfe ab
Präsident Javier Milei bezeichnet die steigende Kreditausfallrate als Privatangelegenheit. Ökonomen warnen vor systemischen Folgen und fordern eine Regulierungsinitiative.
Die Zahlungsmoral argentinischer Haushalte hat sich weiter verschlechtert. Nach Angaben der Zentralbank (BCRA) lag die Ausfallrate bei Familienkrediten im Mai bei 12,8 Prozent – der höchste Stand seit mindestens zwei Jahrzehnten. Im Juni ging sie marginal auf 12,7 Prozent zurück, nachdem sie 19 Monate ununterbrochen gestiegen war. Bei nichtbanklichen Finanzdienstleistern (Fintechs) erreichte die Quote sogar 33 Prozent. Insgesamt befinden sich nach Daten des Schuldnerregisters CENDEU rund 5,9 Millionen Kreditnehmer im Verzug.
Präsident Milei lehnt jede Form staatlicher Intervention ab. In einem Interview erklärte er: „Hat ihnen jemand eine Pistole auf die Brust gesetzt?“ Die Rückzahlungskrise sei eine „Transaktion zwischen Privaten“ und müsse von den Beteiligten selbst gelöst werden. Die Regierung fördere zwar Umschuldungsprogramme der Banken, werde aber keine Steuergelder einsetzen, da dies auf Kosten Unbeteiligter gehe. Aus Sicht des Präsidenten verbessern fallende Inflation und gesunkene Länderrisiken ohnehin die Kreditbedingungen; der Leitzins sei bereits rückläufig.
Mehrere Wirtschaftsfachleute widersprechen dieser Einschätzung. Im Gespräch mit dem Sender +Perfil argumentierten die Ökonomen Martín Simonetta und Ramiro Tosi, die Krise sei längst kein rein privates Problem mehr. Der Anstieg der Ausfallrate von unter zwei auf über zwölf Prozent habe binnen zwei Jahren ein Ausmaß erreicht, das „in den letzten 30 Jahren nicht vorkam“. Sie verwiesen auf eine „Koordinationsstörung“: Da Banken wegen der steigenden Risikovorsorge weniger Kredite vergäben, werde die gesamtwirtschaftliche Erholung abgewürgt. Roberto Rojas von der Fundación Blockchain Argentina warnte zudem vor einer dauerhaften Schädigung der Bonität junger Schuldner, die künftig keinen Zugang zu Hypothekenkrediten mehr fänden.
Die Regierung hält dem entgegen, dass die Gesamtverschuldung der Privatwirtschaft im Juni real leicht gestiegen sei und die Voraussicht des Finanzsystems das Risiko auffange. Tatsächlich betrug das Netto-Kreditrisiko nach Abzug der Rückstellungen laut BCRA im April nur 1,4 Prozent der regulatorischen Eigenmittel – international ein niedriger Wert. Doch die Debatte anhält: Während das offizielle Arbeitsmarktbarometer (REM) eine Arbeitslosenquote von bis zu 7,7 Prozent für 2026 prognostiziert, sehen Experten in der stockenden Binnennachfrage und der hohen Verschuldung der Familien die Haupthindernisse für eine nachhaltige Erholung. Ein endgültiges Urteil über den weiteren Verlauf der Ausfallquote wird im nächsten Monatsbericht der BCRA erwartet.
Erweitere deinen Horizont
Ölkonzerne melden sprudelnde Gewinne im zweiten Quartal – Trump rügt „zu viel Geld“
6 Sprachen · 21 Quellen
Aus TechnologySpaceX-Raketenstufe schlägt am Mittwoch auf dem Mond ein
6 Sprachen · 16 Quellen
Aus Science & HealthZeitfenster von acht Stunden beim Essen verbessert kognitive Fähigkeiten
4 Sprachen · 10 Quellen