
Missbrauch unter dem Deckmantel der Spiritualität: Lebenslange Haft für „Der mit dem Wolf tanzt“-Darsteller
Ein einst gefeierter Schauspieler, der im Alter von vierzehn Jahren an der Seite von Kevin Costner in „Der mit dem Wolf tanzt“ vor der Kamera stand, ist am Montag in Las Vegas zu einer Haftstrafe von mindestens 37 Jahren bis lebenslänglich verurteilt worden. Nathan Chasing Horse, der sich später vom Filmbusiness abwandte und als selbsternannter Medizinmann eine spirituelle Gemeinschaft um sich scharte, hat nach Überzeugung eines Geschworenengerichts über Jahre hinweg indigene Frauen und Mädchen sexuell missbraucht. Das Urteil, das unter anderem die sexuelle Nötigung einer damals Vierzehnjährigen ahndet, markiert das Ende eines Prozesses, der weit über den Gerichtssaal hinaus für Aufmerksamkeit sorgte – nicht zuletzt, weil er die Abgründe von Machtmissbrauch innerhalb vermeintlich indigener Heilungszeremonien offenlegte.
Aus Washingtoner Sicht reiht sich das Verfahren in eine Serie von Fällen ein, in denen die US-Justiz gegenüber prominenten Tätern Härte demonstriert. Die Staatsanwaltschaft hatte Chasing Horse vorgeworfen, seine Filmkarriere und den daraus resultierenden Status gezielt genutzt zu haben, um als sogenannter „Medizinmann“ ein System der Abhängigkeit zu erschaffen. In der ausführlichen Urteilsbegründung vor Richterin Jessica Peterson schilderten mehrere Opfer, wie sie bis heute mit den traumatischen Folgen ringen – ein Teil von ihnen kämpft zudem mit einem tiefen Vertrauensverlust in spirituelle Autoritäten. Die Verteidigung hingegen kündigte bereits an, gegen das Urteil vorzugehen, und nannte die Geschworenenentscheidung einen „Justizirrtum“. Ihr Antrag auf ein neues Verfahren, bei dem sie unter anderem die Verjährung geltend machte, wurde abgelehnt.
Beobachter aus dem deutschsprachigen Raum erinnert der Fall an eine fatale Überlagerung von Hollywood-Mythos und kultureller Aneignung. Chasing Horse war vielen in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor allem als junger Sioux in dem Oscar-prämierten Western ein Begriff, der ein romantisiertes Bild indigener Völker prägte. Dass ausgerechnet dieser Darsteller jahrzehntelang unter dem Deckmantel angeblicher Lakota-Heilzeremonien minderjährige Gefährtinnen rekrutierte, wirft ein grelles Licht auf die Verletzlichkeit jener, die spirituellen Halt suchen. Nach seiner Verhaftung Anfang 2023 hatten die Ermittler fast zwei Jahre lang ein Netz aus Mitwisserinnen und Mitwissern befragt, das sich über mehrere Bundesstaaten erstreckte.
Aus Sicht indigener Gemeinschaften wurde das Urteil mit verhaltener Erleichterung aufgenommen. Viele Aktivistinnen betonen, dass der Fall eine Wunde offengelegt habe, die durch selbsternannte Heiler und die kommerzielle Ausbeutung von Zeremonien seit Langem schwäre. Sie mahnen, dass die Verurteilung eines Mannes allein die Strukturen nicht beseitige, die es Außenstehenden ermöglichen, mit gefälschten Legitimationen spirituelle Macht auszuüben. In den Gerichtsberichten wird Chasing Horse als regloser Angeklagter beschrieben, der geradeaus starrte, während die Opfer ihre Aussagen verlasen – ein Bild, das sich in das kollektive Gedächtnis einer tief gespaltenen Öffentlichkeit einprägt.
Der Richterspruch von Nevada dürfte weitreichende Folgen haben. Juristisch setzt er ein Signal gegen die Verjährung von sexualisierter Gewalt innerhalb geschlossener Glaubensgemeinschaften. Kulturell könnte er eine Debatte darüber anstoßen, wie indigene Schutzmechanismen gestärkt werden können, ohne dass von außen übergestülpte Narrative die Souveränität der Betroffenen weiter untergraben. Für das deutschsprachige Publikum bleibt der Fall ein Lehrstück darüber, wie trügerisch die Faszination für vermeintlich naturverbundene Spiritualität sein kann, wenn sie von Menschen missbraucht wird, die sich ihrer eigenen Mythen längst bemächtigt haben.
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