
Mythos und Moderne im Aztekenstadion: Die WM beginnt in Mexiko
Zum dritten Mal eröffnet Mexiko eine Fußball-Weltmeisterschaft, doch nur 13 von 104 Partien finden auf mexikanischem Boden statt – der Fokus liegt auf einem alternden Monument.
Wenn am Donnerstag der Anpfiff ertönt, ruhen die Augen der Fußballwelt auf einer Betonschüssel im Süden Mexiko-Stadts. Das Aztekenstadion, von der FIFA nüchtern in Mexico City Stadium umbenannt, erhebt sich 50 Meter über einst freiem Feld und ist heute umgeben von dichter Bebauung und verstopften Avenuen. Noch in den Stunden vor der Eröffnung des dritten WM-Turniers auf mexikanischem Boden werkeln Arbeiter an der legendären Arena – ein Symbol dafür, dass selbst ein Monument, das zum dritten Mal als WM-Spielstätte dient, der ständigen Erneuerung bedarf. Nur fünf der insgesamt 13 mexikanischen Spiele werden hier ausgetragen, ein bescheidener Anteil am Mammutprogramm der auf 48 Mannschaften aufgeblähten Endrunde, die sich über drei Nationen erstreckt.
Für die deutsche Fußballseele ist das Aztekenstadion ein Ort schmerzhafter Erinnerungen. Hier unterlag die Mannschaft von Helmut Schön 1970 im legendären „Jahrhundertspiel“ mit 3:4 nach Verlängerung gegen Italien – eine Partie, die Franz Beckenbauer mit bandagiertem Arm bestritt. Sechzehn Jahre später krönte sich Diego Maradona im Finale gegen die BRD-Elf zum Weltmeister, während das Stadion bereits seine zweite WM erlebte. Pelé wiederum hatte hier 1970 seinen dritten Titel mit Brasilien gefeiert; das Rund ist durchtränkt von Heldenepen und nationalen Tragödien. Nun, sechzig Jahre nach der Grundsteinlegung, betritt die Arena eine neue Ära: Sie wird zum ersten Stadion der Geschichte, das drei WM-Turniere austrägt.
Doch vieles hat sich gewandelt. War Mexiko 1970 und 1986 alleiniger Gastgeber, teilt es die 23. Auflage mit den Vereinigten Staaten und Kanada. Der Schwerpunkt liegt im Norden: Während in den USA der Löwenanteil der Begegnungen stattfindet und Kanada zehn Partien ausrichtet, ist Mexiko trotz seiner leidenschaftlichen Fankultur nur Nebenschauplatz. Aus Washingtoner Sicht ist das Turnier ein willkommener Wirtschaftsmotor, Ottawa hofft auf Imagegewinne im kanadischen Fußballaufbruch, und in Mexiko-Stadt überwiegt trotz allem der Stolz auf die historische Sonderrolle. Die Zahl der Teilnehmer hat sich seit 1970 verdoppelt, das Format verändert den Rhythmus – für europäische Teams wie Deutschland bedeutet die Aufstockung kürzere Erholungsphasen und dünnere Kader, was die medizinischen Abteilungen vor neue Aufgaben stellt.
Blickt man vom Stadionrand über das Häusermeer der Metropole, wird der Kontrast zwischen heiligem Rasen und brodelnder Megacity greifbar. Die FIFA hat das Ambiente durch Umbenennung zu glätten versucht, doch der Mythos lässt sich nicht verordnen. Während der Rest der Welt ab Donnerstag auf die präzisen Pässe und taktischen Finessen der Gegenwart schaut, wirkt das Aztekenstadion wie ein Relikt aus einer fußballerischen Vorzeit – eine Bühne, auf der sich die Stars von heute mit den Geistern von gestern messen müssen.
| Lateinamerikanische Presse | +0.80 | aligned |
|---|---|---|
| Kontinentaleuropäische Presse | −0.40 | critical |
Mexiko begrüßt die Weltmeisterschaft zum dritten Mal und eröffnet das erste Turnier mit 48 Mannschaften. Präsidentin Sheinbaum nimmt an Feierlichkeiten in einem lokalen Sportzentrum teil, während das Land mit flächendeckenden Schulschließungen stillsteht. Nationalstolz erfüllt die aztekische Nation, die das globale Turnier mit leidenschaftlicher Feststimmung eröffnet.
Die Schweizer Presse präsentiert die WM als Turnier des Übermaßes, mit drei Gastgeberländern und einer Rekordzahl von 48 Teams. Der Fokus liegt auf dem logistischen und symbolischen Ausmaß, nicht auf Jubel, während die Schweiz auf den Auftakt gegen Katar hinarbeitet. Ein distanzierter, skeptischer Ton überwiegt und verweist auf die Größe des Ereignisses inmitten ruhigerer Lokalnachrichten.
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