
Pentagon-Drohung gegen Spanien und die Falkland-Frage: ein Beben für das atlantische Bündnis
Ein internes Memorandum aus dem Pentagon, das die Nachrichtenagentur Reuters publik machte, hat die fragile Architektur der transatlantischen Beziehungen innerhalb weniger Stunden tief erschüttert. Das von Elbridge Colby, dem Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik und entschiedenen China-Falken, verfasste Papier listet Vergeltungsoptionen gegen Nato-Verbündete auf, die den amerikanisch-israelischen Militärschlägen gegen Iran keine Überflug-, Stationierungs- oder Zugangsrechte einräumten. An vorderster Stelle steht die Aussetzung der spanischen Mitgliedschaft in der Allianz – ein beispielloser Vorgang, der sofort die Frage aufwarf, ob Washington gewillt ist, die Geschäftsgrundlage der kollektiven Sicherheit einseitig zu zertrümmern. Nicht weniger brisant ist die zweite Option: die Überprüfung der US-amerikanischen Unterstützung für den britischen Anspruch auf die Falklandinseln, was in London, Buenos Aires und auf den Inseln selbst für elektrisierte Reaktionen sorgte.
Aus Washingtoner Sicht ist der Vorgang Ausdruck tiefer Frustration über mangelnde Bündnissolidarität. Colby, der schon lange vor seinem Amtsantritt forderte, die Europäer müssten ihre Verteidigungslasten selbst tragen, damit sich Amerika auf den Machtkampf mit China konzentrieren könne, bezeichnete die Verweigerungshaltung insbesondere Spaniens als Verstoß gegen die elementarsten Verpflichtungen des Nordatlantikvertrags. Die Regierung in Madrid unter Pedro Sánchez zeigte sich betont gelassen, nannte die Beziehungen zu den USA weiterhin gut und verwies darauf, dass das Regelwerk der Nato keinerlei Handhabe für eine Suspendierung bietet – ein Punkt, den das Bündnis in Brüssel postwendend bestätigte. Dennoch ist die Symbolwirkung enorm: Erstmals wird in einem offiziellen amerikanischen Strategiepapier unverhohlen mit dem Rauswurf eines Gründungsmitglieds gedroht, falls es nicht den sicherheitspolitischen Kurs der Administration Trump mitträgt.
Für Buenos Aires kam die Nachricht einem Paukenschlag gleich. Präsident Javier Milei, der sich als enger Verbündeter Trumps inszeniert, sprach von nie dagewesenen Fortschritten und ließ seinen Außenminister Pablo Quirno unmissverständlich erklären, die Besetzung der Malwinen von 1833 sei ein Akt der Gewalt gewesen und der Anspruch Argentiniens unverhandelbar. Die Vize-Präsidentin Victoria Villarruel verschärfte den Ton, indem sie die Inselbewohner – die sogenannten Kelpers – als Briten bezeichnete, die auf argentinischem Territorium lebten. In London reagierte man mit eisiger Entschlossenheit: Downing Street stellte klar, die Souveränität über die Falklandinseln stehe nicht zur Disposition, und verwies auf das Selbstbestimmungsrecht der überwältigend probritischen Bevölkerung. Die Inselverwaltung selbst berief sich auf die UN-Charta und warnte Trump vor einem Bruch mit dem Vereinigten Königreich. Der Falkland-Veteran Simon Weston nannte die Drohung aus Washington einen grausamen Scherz, der das Risiko eines erneuten Konflikts erhöhe.
Auf dem informellen EU-Gipfel in Nikosia, wo eigentlich über Haushaltsfragen beraten werden sollte, drängte sich die transatlantische Krise in den Vordergrund. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, stets um Balance zwischen Washington und Brüssel bemüht, versicherte, die Beziehungen zu den USA seien solide, mahnte aber zugleich, die Spannungen innerhalb der Nato müssten abgebaut werden. Dass Trump ausgerechnet jetzt erwägt, dem G7-Gipfel im französischen Evian fernzubleiben und sich nur per Video zuzuschalten, unterstreicht die Geringschätzung des Weißen Hauses für multilaterale Formate. Für Berlin, aber auch für Wien und das neutrale Bern, das die Stabilität des internationalen Regelwerks aufmerksam beobachtet, stellt sich die beunruhigende Frage, wie belastbar amerikanische Sicherheitsgarantien in einer Ära transaktionaler Außenpolitik noch sind.
Langfristig dürfte die durchgesickerte Drohkulisse den ohnehin beschleunigten Prozess der strategischen Eigenständigkeit Europas weiter antreiben. Sollte Washington tatsächlich willens sein, die Position zu den Falklandinseln zu revidieren, um London für seine Iran-Politik zu bestrafen, wäre das nicht nur ein historisches Novum, sondern auch ein fatales Signal an andere Territorialkonflikte weltweit. Die Episode offenbart die Bruchlinien einer Allianz, in der Geographie und Interessen immer weiter auseinanderdriften: Während die Vereinigten Staaten unter der „Donroe“-Doktrin ihren Blick prioritär auf die westliche Hemisphäre und den Indopazifik richten, bleibt die Sicherheit Europas auf Gedeih und Verderb mit dem Funktionieren der Nato verbunden – einer Nato, deren innerer Zusammenhalt nun erstmals in einem amtlichen Pentagon-Schreiben zur Disposition gestellt wird.
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