
Pogacars vierter Triumph in Lüttich: Ein Sieg im Zeichen des Gedenkens
Tadej Pogacar hat sich zum vierten Mal in die Siegerliste von Lüttich-Bastogne-Lüttich eingetragen und damit einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zur Radsportlegende gesetzt. Der Slowene widmete den Triumph seinem verstorbenen Ex-Teamkollegen Cristian Camilo Munoz, der nach einer Knieverletzung an einer Infektion gestorben war. Mit schwarzem Trauerflor am Arm überquerte Pogacar die Ziellinie in Lüttich und zeigte zum Himmel – ein Bild, das über den Sport hinausging und die menschliche Seite des Ausnahmekönners betonte.
Aus Pariser Sicht war dieses Rennen vor allem die Bühne für eine neue Generation: Paul Seixas, erst neunzehn Jahre alt und Sieger der Flèche Wallonne nur Tage zuvor, lieferte dem vierfachen Tour-de-France-Gewinner einen wahren Zweikampf. Als Pogacar am Col de la Redoute 35 Kilometer vor dem Ziel seine erste Explosion zündete, vermochte nur Seixas an seinem Hinterrad zu bleiben. Beobachter in der französischen Hauptstadt feierten den jungen Mann aus dem Nachwuchsteam als Helden, der dem übermächtigen Slowenen länger standhielt als jeder andere. Erst in der Schlusssteigung der Roche-aux-Faucons, als Pogacar den „Turbo“ zündete, musste Seixas abreißen lassen und erreichte mit 45 Sekunden Rückstand das Ziel.
In Brüssel und Flandern hingegen richtete sich der Blick auf Remco Evenepoel. Der belgische Zeitfahrweltmeister, der zu den wenigen ernsthaften Konkurrenten Pogacars zählt, konnte dem Tempo des Duos nicht folgen und wurde mit über eineinhalb Minuten Rückstand Dritter. Aus belgischer Perspektive bestätigte dies eine wachsende Sorge: Evenepoel scheint auf den langen, hügeligen Klassikern der Ardennen an seine Grenzen zu stoßen, sobald Pogacar die Initiative ergreift.
Für das deutschsprachige Publikum in der Schweiz stand neben dem Triumph vor allem die emotionale Geste im Vordergrund. Der Tages-Anzeiger berichtete, wie Pogacar nach der atemlosen Hatz einen Moment der Stille suchte und immer wieder gen Himmel deutete. Der Slowene selbst sprach davon, dass der Druck bei jedem seiner seltenen Rennen gross sei – umso bedeutender sei dieser Sieg. In Deutschland und Österreich wird das Rennen vor allem als weiteres Indiz für Pogacars scheinbar unbegrenzte Dominanz gewertet, die er in dieser Saison bereits in Mailand-San Remo und der Flandern-Rundfahrt unter Beweis stellte.
Der Blick nach vorn zeichnet ein paradoxes Bild: Pogacar rückt mit nunmehr vier Erfolgen in Lüttich dem Rekord von Eddy Merckx (fünf Siege) bedrohlich nahe. Gleichzeitig aber hat sich mit Paul Seixas ein junger Franzose als ernstzunehmender Herausforderer etabliert. Ob dieser aufstrebende Stern in den kommenden Jahren tatsächlich den Thron des Slowenen gefährden kann, wird ebenso die Saison prägen wie die Frage, ob Evenepoel seine taktischen Mittel verfeinern muss. In der neuen Hierarchie des Radsports steht Pogacar ganz oben, aber die erste Rissbildung ist erkennbar.
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