
Québecs TGV-Projekt in Gefahr: Separatisten drohen mit Ausstieg
Der Ausstieg des Parti Québécois aus dem TGV-Projekt gefährdet die Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Québec und Toronto und entfacht eine Debatte über Kosten und nationale Einheit.
Der geplante Hochgeschwindigkeitszug zwischen Québec und Toronto steht vor einer ungewissen Zukunft, nachdem der Parti Québécois (PQ) angekündigt hat, das Projekt im Falle eines Wahlsiegs im Oktober zu stoppen. Aus Sicht der kanadischen Bundesregierung und der Liberalen Partei Québecs gefährdet diese Haltung nicht nur das milliardenschwere Vorhaben, sondern offenbare auch die Prioritätensetzung der Separatisten: „Das zeigt, dass die Partei ihre Obsession für ein Referendum über alles andere stellt“, kommentierten liberale Kreise. Der PQ-Chef Paul St-Pierre-Plamondon argumentiert hingegen, die Sanierung der maroden Infrastruktur Québecs habe Vorrang vor einem Prestigeprojekt, das „ein enormes finanzielles Fiasko“ zu werden drohe und vor allem der Stärkung der kanadischen Einheit diene.
Der Streit entzündet sich vor allem an den Kosten. Während Kritiker des Projekts von bis zu 200 Milliarden Dollar sprechen, weist der Chef der staatlichen Entwicklungsgesellschaft Alto, Martin Imbleau, diese Zahl entschieden zurück: „Ich weiß nicht, woher diese Zahl kommt. Sie wissen nicht, was wir bauen werden, also kann man jede beliebige Zahl in den Raum werfen.“ Aus Sicht der Befürworter in Ottawa und Toronto ist der TGV ein „nationales Bauprojekt“, das Québec einbinde und die Wirtschaftsregionen verbinde. Verkehrsminister Steven MacKinnon betonte, das Projekt sei „fantastisch“ und von nationaler Bedeutung.
Die Debatte offenbart ein grundsätzliches Dilemma: Selbst wenn Québec aus dem Projekt aussteigen wollte, bliebe die finanzielle Belastung für die Provinz bestehen. Wie ein Kommentator in Le Devoir anmerkt, müssten die Steuerzahler Québecs ohnehin etwa ein Viertel der Gesamtkosten tragen, wenn Ottawa das Projekt allein vorantreibe. Die Behauptung von Außenministerin Mélanie Joly, Québec stecke kein Geld in das Projekt, sei ein „Sophismus“ – das Geld komme letztlich aus denselben Taschen. Für die deutschsprachige Leserschaft ist dieser Konflikt ein Lehrstück darüber, wie föderale Großprojekte in Kanada durch regionale Sonderinteressen und verfassungspolitische Spannungen blockiert werden können.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob der TGV zu einem weiteren Symbol des kanadischen Föderalismusstreits wird oder ob sich die pragmatischen Kräfte durchsetzen. Sollte der PQ die Wahl gewinnen, stünde das Projekt vor dem Aus – mit weitreichenden Folgen für die Wirtschaftsachse Québec-Toronto und die nationale Infrastrukturplanung. Beobachter in Québec und Ottawa rechnen mit einer intensiven politischen Auseinandersetzung, bei der es nicht nur um Züge, sondern um die Zukunft der kanadischen Einheit geht.
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