
Rekordbeteiligung in Tamil Nadu und Westbengalen: Wähler trotzen Gewalt und Hitze
Die indischen Bundesstaaten Tamil Nadu und Westbengalen haben am Donnerstag bei ihren Parlamentswahlen eine historische Mobilisierung erlebt. Nach vorläufigen Angaben der Wahlkommission lag die Wahlbeteiligung in Tamil Nadu bei 84,7 Prozent, in der ersten Phase Westbengalens sogar bei 91,8 Prozent – jeweils die höchsten Werte seit der Unabhängigkeit. In beiden Staaten zeigte sich eine bemerkenswerte geschlechtsspezifische Dynamik: Frauen gaben ihre Stimme in noch größerer Zahl als Männer, ein Phänomen, das in der indischen Wahlsoziologie als Indiz für wachsende politische Autonomie und soziale Mobilisierung gedeutet wird.
In Tamil Nadu stand der Urnengang auch im Zeichen der Prominenz. Der Superstar Rajinikanth, der Schauspieler und Politiker Kamal Haasan sowie der erstmals antretende Filmstar Vijay – der mit seiner eigenen Partei ins Rennen geht – erschienen persönlich an den Wahllokalen in Chennai. Ihre Präsenz lenkte die landesweite Aufmerksamkeit auf einen Wahlkampf, der von den traditionellen Machtblöcken DMK und AIADMK sowie von neuen Akteuren wie Vijay geprägt ist.
Anders als im südlichen Tamil Nadu, wo der Tag weitgehend friedlich verlief, wurde die Abstimmung in Westbengalen von Gewalt überschattet. Im Distrikt Murshidabad kam es nach Berichten lokaler Medien zu einem Sprengstoffanschlag mit Rohrbomben, bei dem mehrere Menschen verletzt wurden. Sicherheitskräfte der Zentralregierung mussten eingreifen, um Zusammenstöße zwischen Anhängern der regierenden Trinamool Congress (TMC) und der von Humayun Kabir geführten Aam Janata Unnayan Party zu unterbinden. Auch ein Kandidat der Bharatiya Janata Party (BJP), Suvendu Sarkar, wurde während eines Besuchs in einem Wahllokal attackiert. Die BJP wirft der TMC vor, gezielt Hindufamilien einzuschüchtern – ein Vorwurf, den die TMC zurückweist.
Aus politischer Perspektive wertete Westbengalens Ministerpräsidentin Mamata Banerjee die hohe Beteiligung als Vertrauensbeweis für ihre Partei. Sie erklärte, die TMC sei „bereits in einer Position zu gewinnen“ und kündigte an, nach dem Sieg die Opposition gegen die Bundesregierung in Delhi zu einen. Der BJP-Spitzenkandidat Suvendu Adhikari konterte mit der Prognose, seine Partei werde allein in der ersten Phase 125 der 152 Sitze erobern. Der Ausgang der Wahlen, deren Stimmen am 4. Mai ausgezählt werden, wird nicht nur über die regionale Machtverteilung entscheiden, sondern auch Signalwirkung für die nationalen Auseinandersetzungen um die Führungsrolle von Regierung und Opposition haben.
Die beiden Wahlgänge demonstrieren, dass die indische Demokratie trotz polizeilicher Herausforderungen und kommunaler Spannungen auf eine bemerkenswert hohe Partizipation setzen kann. Für einen deutschen Beobachter ist vor allem der Umstand bemerkenswert, dass die Wählerbindung – gemessen an der Beteiligung – in Indien konstant über der in vielen westlichen Demokratien liegt. Die kommenden Wahlphasen in Westbengalen, die bis Ende April andauern, werden zeigen, ob der von der Wahlkommission ausgerufene „Null-Toleranz“-Kurs gegenüber Gewalt von Dauer ist.
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