
Rekordrückgang der Ölreserven: Globale Versorgungskrise erreicht neuen Höhepunkt
Die weltweiten Ölreserven schrumpfen im April um beispiellose 200 Millionen Barrel. Die OPEC-Förderung fällt auf den tiefsten Stand seit 1990.
Die globalen Ölreserven haben im April einen historischen Einbruch erlitten. Wie die in Branchenkreisen viel beachtete Analyse von S&P Global Energy zeigt, sanken die Bestände um fast 200 Millionen Barrel, was einem täglichen Rückgang von 6,6 Millionen Barrel entspricht. Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter, als der Ölverbrauch gleichzeitig um rund fünf Millionen Barrel pro Tag einbrach – der stärkste Nachfragerückgang außerhalb der Pandemie.
Paradoxerweise vermag selbst die rezessionsbedingte Dämpfung des Bedarfs die Angebotslücke nicht zu schließen, wie Jim Burkhard, Leiter der Ölmarktanalyse bei S&P, anmerkt. Aus amerikanischer Perspektive zeichnet sich damit eine Lage ab, die an die Ölkrisen der siebziger Jahre erinnert: Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran hat de facto zur Blockade der Straße von Hormuz geführt, der Lebensader des globalen Ölhandels. Analysten in Washington warnen, dass die strategischen Reserven des Westens auf Jahre hinaus aufgezehrt werden könnten, falls keine diplomatische Lösung gefunden wird.
Aus der Sicht Pekings, das als größter Rohölimporteur besonders verwundbar ist, verschärft sich das Dilemma: Chinas Nachfrage nach Rohöl bleibt hoch, doch die Lieferungen aus dem Persischen Golf sind massiv gestört. Beobachter in der Volksrepublik verweisen auf die Notwendigkeit, die Abhängigkeit von der Straße von Hormuz durch eine Diversifizierung der Lieferketten zu reduzieren. Die OPEC, deren Förderung im April auf den tiefsten Stand seit 1990 fiel, kann diese Lücke nicht schließen.
Die Organisation pumpte nur noch 20,55 Millionen Barrel täglich, ein Minus von 420.000 Barrel gegenüber dem Vormonat. Besonders drastisch ist der Rückgang in Kuwait, wo die Produktion um 470.000 Barrel auf lediglich 800.000 Barrel pro Tag einbrach – weniger als ein Drittel des Vorkrisenniveaus. Die Zahlen stammen aus einer Bloomberg-Umfrage, die noch vor dem Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC und der OPEC+ am 1.
Mai erhoben wurde. Die VAE, drittgrößter Produzent des Kartells, signalisieren damit ihren Unmut über die von Saudi-Arabien dominierte Förderpolitik. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz, die einen erheblichen Teil ihres Ölbedarfs über den Seeweg beziehen, bedeutet dies eine unmittelbare Bedrohung der Versorgungssicherheit.
Die Raffinerien in Rotterdam und im Mittelmeerraum, die als Drehscheiben für den mitteleuropäischen Markt dienen, melden sinkende Vorräte. Sollte der Konflikt anhalten, drohen nicht nur steigende Preise an den Zapfsäulen, sondern auch Engpässe in der petrochemischen Industrie. Aus der Perspektive führender Investmentbanken wie Goldman Sachs nähern sich die globalen Ölreserven dem tiefsten Stand seit acht Jahren.
Die Prognosen sind düster: Solange die Straße von Hormuz nicht wieder uneingeschränkt passierbar ist, wird das Angebot knapp bleiben, selbst wenn die Nachfrage weiter sinkt. Die Entscheidung der VAE, sich aus dem OPEC-Kartell zu lösen, könnte die Koordinationsfähigkeit des Ölkartells weiter untergraben und die Preise zusätzlich destabilisieren. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Verbraucherländer mithilfe ihrer strategischen Reserven die Lücke überbrücken können oder ob die Weltwirtschaft vor einer neuen Ölpreiskrise steht.
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