
Russlands Blamage in Mali: Wie die Offensive der Rebellen die Sahel-Krise verschärft
Der wichtigste Vorstoß der vergangenen Tage war nicht die Einnahme mehrerer Städte durch die Allianz aus Dschihadisten und Tuareg-Rebellen, sondern der symbolische Zusammenbruch des russischen Sicherheitsversprechens. Innerhalb weniger Stunden mussten die Einheiten des „Afrikanischen Korps“ die strategisch bedeutsame nördliche Stadt Kidal räumen. Von Moskaus Verteidigungsministerium als kontrollierter Rückzug nach heldenhaftem Kampf dargestellt, bewerten Beobachter aus der Region und westliche Geheimdienstkreise den Abzug vielmehr als eine mit algerischer Hilfe ausgehandelte Kapitulation – und als das bisher größte Scheitern des Nachfolgekonstrukts der aufgelösten Privatarmee Wagner.
Für die malische Militärjunta, die sich 2021 mit einem antiwestlichen Putsch an die Macht brachte, ist dieser Verlust existenzbedrohend. Sie hatte die französischen Truppen des anti-terroristischen Einsatzes „Barkhane“ des Landes verwiesen, gerade um Moskau als vermeintlich tatkräftigeren Schutzherrn zu installieren. Nun verlor sie nicht nur Kidal an die Tuareg des Front de libération de l’Azawad und die mit al-Qaida verbundene JNIM, sondern auch ihren Verteidigungsminister Sadio Camara, der bei einem Selbstmordanschlag in seiner Residenz im strategisch bedeutsamen Kati, unweit der Hauptstadt Bamako, getötet wurde.
Camara galt aus Sicht westlicher und afrikanischer Analysten als der eigentliche Architekt der Allianz mit dem Kreml; sein Tod trifft die Junta ins Mark. Das mehr als 72-stündige Schweigen von Übergangspräsident Assimi Goïta, der sich schließlich an der Seite des russischen Botschafters zeigte, nährte zwischenzeitlich Spekulationen über seine eigene Sicherheit und offenbarte die tiefe Verunsicherung eines Regimes, das den Staat kaum noch kontrolliert. Aus der Perspektive der Hauptstädte Berlin, Wien und Bern verleiht die Eskalation der europäischen Sahel-Politik eine neue Dringlichkeit.
Die französische Regierung hat ihre Staatsbürger aufgefordert, Mali umgehend zu verlassen, während in Brüssel die Frage lauter wird, ob die Region ohne ein stabiles sicherheitspolitisches Engagement des Westens vollends in ein dschihadistisches Chaos abzugleiten droht. Anders hingegen die Darstellung aus Moskau: Das dortige Verteidigungsministerium spricht von der erfolgreichen Vereitelung eines von westlichen und ukrainischen Instrukteuren gesteuerten Putsches Tausender Kämpfer und verklärt den Rückzug aus Kidal zum heroischen Abwehrkampf. Diese Erzählung, die russische Verluste einräumt, aber nicht beziffert, wird in Peking und Neu-Delhi, wo man die Angriffe zwar verurteilt, aber größere Zurückhaltung übt, aufmerksam registriert.
Aus Sicht Rabats, das sich im Friedens- und Sicherheitsrat der Afrikanischen Union als verlässlicher Partner Malis positioniert, bedarf es nun vor allem eines koordinierten regionalen Ansatzes gegen Terror und Separatismus, andernfalls drohe der gesamte Sahel in einen Flächenbrand zu geraten. Dieser Flächenbrand hätte weitreichende Folgen: Die Lebensperspektiven der westafrikanischen Jugend, so mahnen Experten, entscheiden sich gerade jetzt. Scheitert der Staat in Bamako endgültig, könnten die Machtgewinne der Dschihadisten neue Wanderungsbewegungen und eine verfestigte Operationsbasis für transnationalen Terrorismus nach sich ziehen – Entwicklungen, die Europa zwangsläufig erreichen würden.
Die russische Parole vom starken Partner im Anti-Terror-Kampf hat durch die Bilder fliehender Söldner und das Vorrücken der Aufständischen massiv an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Der schnelle Vormarsch der Rebellen demonstriert, dass militärische Gewalt ohne politische Lösung und nachhaltige Entwicklung wirkungslos bleibt. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der Westen erneut bereit ist, sich sicherheitspolitisch zu engagieren, oder ob das entstandene Vakuum auf Dauer von Akteuren gefüllt wird, die weder Stabilität noch Demokratie im Sinn haben.
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