
KI-Investitionen im Ausmass des Eisenbahnbaus: Zwischen Hype und historischer Chance
Die KI-Investitionswelle erreicht historische Dimensionen, doch warnen Experten vor einer Blase. Der Arbeitsmarkt steht vor Umbrüchen, während institutionelle Anleger auf Milliardenchancen setzen.
Die Kapitalströme in Künstliche Intelligenz haben ein Volumen angenommen, das an die grössten Infrastrukturprojekte der Geschichte erinnert. Der Finanzexperte Hu Yitian, Gründer der Investmentfirma Source Capital, vergleicht die gegenwärtige Aufrüstung mit dem Eisenbahnboom des 19. Jahrhunderts, der in den USA und Grossbritannien zeitweise bis zu zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschlang. Zwar liege der Anteil der Hyperscaler-Investitionen derzeit bei zwei bis drei Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung, doch die Dynamik sei vergleichbar. Die Bewertungen der sogenannten „Magnificent Seven“ – der führenden US-Technologiekonzerne – beruhten laut Hu auf der Annahme künftiger Monopolrenditen. Sollte diese Erwartung enttäuscht werden, drohten Kurskorrekturen, die die hohen Kurs-Gewinn-Verhältnisse auf ein Bruchteil schrumpfen liessen.
Aus amerikanischer Perspektive mehren sich die Warnsignale. Der Hedgefonds-Legende Paul Tudor Jones zufolge habe der KI-Bullenmarkt bereits 50 bis 60 Prozent seines Zyklus durchschritten. In einem Gespräch mit CNBC prophezeite er, dass die Märkte in ein bis zwei Jahren einen Einbruch erleben könnten, der an den Zusammenbruch der Dotcom-Blase im Jahr 2000 erinnert. Jones selbst hält KI-Aktien, warnt aber vor einer „atemberaubenden Korrektur“. Gleichzeitig veröffentlichte Goldman Sachs eine Studie, wonach weltweit 300 Millionen Arbeitsplätze durch KI betroffen sein könnten – besonders im Finanzsektor. Hu Yitian ergänzt, dass vor allem repetitive Tätigkeiten und ausgelagerte Kundendienstleistungen in Niedriglohnländer von Sprachmodellen verdrängt würden, die kulturelle Nuancen immer besser beherrschten.
Doch die Kehrseite der Risiken ist eine historische Investitionschance. Aus Sicht der grossen Privatmarktinvestoren öffnet sich ein neues Anlageuniversum. Blair Jacobson, Co-President des Kreditriesen Ares, beziffert das Marktpotenzial für Drittanbieter von Rechenzentren – ohne die Eigeninvestitionen der Hyperscaler – auf 900 Milliarden Dollar. Hinzu kämen Finanzierungen für Grafikprozessoren und die benötigte Energieinfrastruktur. Die Gewinnerwartungen treiben eine Welle von Beteiligungen, die von Blackstone bis Blue Owl reicht. Für den deutschsprachigen Raum bedeutet dies: Während die Frankfurter und Züricher Finanzplätze den Automatisierungsdruck in der eigenen Branche spüren, könnten Standorte mit günstigen Rahmenbedingungen für Rechenzentren – etwa in Österreich oder der Schweiz – von den Milliardenströmen profitieren.
Die entscheidende Frage bleibt, ob sich die Investitionen tatsächlich in monopolistische Renditen verwandeln oder ob die Parallele zur Eisenbahnblase zutrifft, bei der viele Trassen unrentabel blieben. Sollte KI als dritte industrielle Revolution Bestand haben, wie Nvidia-Chef Jensen Huang proklamiert, wären die heutigen Ausgaben gerechtfertigt. Falls nicht, droht eine Bereinigung, die nicht nur Aktienkurse, sondern auch die Beschäftigungsstruktur in Industriestaaten tiefgreifend verändern würde.
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