
Trotz vernichtender Kritik: Das Jackson-Biopic stürmt die Kinocharts
Es ist ein Paradoxon, das die Mechanismen des globalen Kinomarktes blosslegt: Während die Kritik das Michael-Jackson-Biopic «Michael» nahezu einhellig verreisst, strömen die Zuschauer in Scharen in die Säle. Antoine Fuquas filmische Huldigung an den «King of Pop» steuerte in den nordamerikanischen Kinos auf ein Eröffnungswochenende von bis zu hundert Millionen Dollar zu, womit es den zweiten Platz der Jahresbestwerte hinter dem Animationsspektakel «The Super Mario Galaxy Movie» belegen dürfte. Allein am Premierentag spielte das mit rund zweihundert Millionen Dollar budgetierte Werk vierzig Millionen ein – eine Grössenordnung, die selbst Schwergewichte wie «Oppenheimer» oder «Dune Part Two» an ihrem ersten Freitag nicht erreichten. Weltweit könnte das Biopic bereits am ersten Wochenende die Marke von einhundertachtzig Millionen Dollar überschreiten, wie Branchenkenner prognostizieren.
Aus Washingtoner Sicht drängt sich indes eine ernüchternde Lesart auf: Der Film, produziert vom Nachlassverwalter des 2009 verstorbenen Sängers und koproduziert von nahezu der gesamten Jackson-Familie – mit Ausnahme Janet Jacksons, die dem Estate seit Jahren distanziert gegenübersteht –, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als Hochglanz-Infomercial. In der Hauptrolle spielt Jaafar Jackson, der Neffe des Stars, eine Besetzung, die den familieninternen Kontrollanspruch unterstreicht. Kritiker aus Los Angeles monieren, dass der Streifen mit dem Jahr 1988 endet und damit sämtliche Vorwürfe sexuellen Missbrauchs, die später gegen Jackson erhoben wurden, geflissentlich ausspart. «Man kann sich in diesem Geschäft fast alles ausdenken», heisst es in einer Schlüsselszene des Films – ein Satz, der nach Ansicht von Beobachtern unfreiwillig das methodische Verschweigen der Abgründe offenlegt.
Aus lateinamerikanischer Perspektive, namentlich in mexikanischen Feuilletons, fällt der Vergleich mit dem Dokumentarfilm «This Is It» von 2009 besonders bitter aus. Während jene Probeaufnahmen den Perfektionisten Jackson in einem authentischen Moment der künstlerischen Auseinandersetzung mit seinem Orchester zeigten, verharre Fuquas Werk im Gestus der Imitation, ohne je zum Wesenskern des Musikers vorzudringen. Die mexikanische Kritik spricht von einer «Hülle ohne Inhalt» – ein Einwand, der diesseits des Atlantiks in den deutschsprachigen Feuilletons Widerhall findet.
Bemerkenswert ist die Resonanz auf dem indischen Subkontinent. Dort spielte «Michael» am ersten Wochenende mehr als zehn Millionen Rupien netto ein und überflügelte den bis dahin erfolgreichen Science-Fiction-Film «Project Hail Mary» deutlich. Die renommierte Bollywood-Regisseurin und Choreografin Farah Khan, die Jackson zu Lebzeiten persönlich begegnet war, rief in den sozialen Medien gar zu einer Oscar-Nominierung für Hauptdarsteller Jaafar Jackson auf und bezeichnete die Kritiker pauschal als «Idioten» – eine Polarisierung, die den globalen Riss zwischen Fachpresse und Publikum schlaglichtartig erhellt.
Für den deutschsprachigen Markt bedeutet dieser Befund eine doppelte Herausforderung. Einerseits ist das Biopic, das in Österreich, der Schweiz und Deutschland am selben Wochenende anlief, ein veritables Geschäft; andererseits stellt es Filmkritiker und Kulturredaktionen vor die Frage, wie sie mit einem Werk umgehen sollen, das künstlerisch enttäuscht, kommerziell jedoch triumphiert. Der geplante zweite Teil, der die Jahre nach 1988 behandeln soll, wird sich den dunklen Kapiteln kaum mehr entziehen können – und genau darin liegt die wahre Bewährungsprobe für ein Projekt, das bislang eher einer sorgfältig kuratierten Gedächtnisfeier als einem biografischen Drama gleicht.
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