
Venedigs Biennale-Jury tritt zurück: Kulturpolitischer Sturm um Russland und Israel
Die internationale Jury der 61. Kunstbiennale von Venedig hat nur wenige Tage vor der Eröffnung am 9. Mai geschlossen ihren Rücktritt erklärt. Die fünfköpfige Runde um die brasilianische Kuratorin Solange Farkas gab keine offizielle Begründung für den Schritt, der als Höhepunkt einer sich seit Wochen anbahnenden Konfrontation zwischen der Biennale-Leitung und dem italienischen Kulturministerium gilt. Tags zuvor hatten Inspektoren des Ministeriums die Fondazione Biennale aufgesucht – ein beispielloser Vorgang, der aus Romer Sicht als Prüfung der „ordnungsgemäßen Verwaltung“ der prestigeträchtigen Ausstellung dargestellt wurde, von Beobachtern in deutschen Feuilletons jedoch als politischer Eingriff gewertet wird.
Auslöser der Krise war die Entscheidung des Biennale-Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco, den russischen Pavillon für die Ausstellung zuzulassen, obwohl Moskau wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine international geächtet ist. Die Jury hatte daraufhin angekündigt, keine Preise an Künstler aus Ländern zu vergeben, deren Führungspersonen vom Internationalen Strafgerichtshof verfolgt werden – womit konkret Russland und Israel gemeint waren. Diese Positionierung brachte die Jurymitglieder in Konflikt mit der italienischen Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Diese erklärte in einer ersten Reaktion, sie halte Buttafuoco für „äußerst fähig“, hätte jedoch an seiner Stelle anders gehandelt. Kulturminister Alessandro Giuli blieb der Eröffnung bereits aus Protest fern.
Aus Wiener und Berliner Perspektive wirft der Eklat grundsätzliche Fragen auf: Kann eine Kunstinstitution in Zeiten geopolitischer Polarisierung noch als neutraler Begegnungsort fungieren? Die Biennale reagierte auf die Vakanz, indem sie die Preisverleihung auf den 22. November verschob und für die Publikumsabstimmung zwei neue „Leoni dei Visitatori“ auslobte, an denen ausdrücklich auch Russland und Israel teilnehmen dürfen. Dieser pragmatische Schachzug mag den Betrieb retten, doch der politische Schaden ist tief. Der Streit offenbart die wachsende Spannung zwischen künstlerischer Autonomie und staatlichen Auflagen – ein Konflikt, der in Europa noch lange nachhallen wird.
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